Provozierendes Psychospiel
Angewidert lässt sie sich den Schmuck vom Vater umhängen. Senta und Daland hegen eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung. Er, der plakativ geschäftstüchtige Materialist, der sich von Holländers Reichtümern blenden lässt; sie, die pubertierende Träumerin, die ihrer romantisch-blinden Schwärmerei vom Wundermann nachhängt. So einfach, so gut.
In der Fokussierung auf Senta garantiert die Essener Neuinszenierung des «Fliegenden Holländers» ihre wenigen Höhen – und gleichzeitig ihre vielen Schwachpunkte.
Die Anwesenheit einer stummen Doppelgängerin im ersten Akt etwa macht nicht wirklich Sinn. Dass der «Steuermann»-Chor im dritten Akt aus lauter Sentas besteht und diese sich gegenseitig – stellvertretend an einigen Puppen – Körperteile und Gebeine ausreißen, um sie anschließend für wilden Sex zu missbrauchen, war schließlich zu viel für das Premierenpublikum, das, ungeachtet des Fortfließens der Musik, seinem Protest in lauten Buh-Salven Ausdruck verlieh.
Barrie Kosky hat am Aalto-Theater seine erste Regiearbeit vorgelegt und damit eine dürftige Visitenkarte hinterlassen. Er verortet das Werk fernab der norwegischen Küste. Das Bühnenbild von Klaus Grünberg zeigt eine Wand aus Fenstern, ...
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Seit fünf Jahren verteilt die nordrhein-westfälische Regierung aus ihrem «Fonds Neues Musiktheater» Geld an jene Opernhäuser des Landes, die ein Werk auf den Spielplan setzen, das jünger als vierzig Jahre ist. Ästhetische Kriterien wollte man bisher nicht in Anschlag bringen – und ein Antrag reichte, um zu profitieren von einem Topf, der in diesem Jahr 250 000...
Wer ist der Gral? Ein Stein, eine Schale, ein Kelch? Oder gar eine Frau, wie Peter Konwitschny 1995 in München meinte, mit Kundry als Madonna und Tauben im Rosenhag? Dies wird auch von «Sakrileg», dem derzeit vielleicht meistgelesenen Buch, kolportiert. Und schon 1190 legte der erste «Perceval»-Dichter Chrétien de Troyes diese Idee nahe, indem er einem Knaben den...
Sowohl im Schauspiel als auch in der Oper verwendet Klaus Michael Grüber gern Ironie. Das ist bei «Boris Godunow» in Brüssel nicht anders. Am Schluss der Oper, wenn in die selten gespielte Szene im Wald von Kromy der falsche Zar Dmitri platzt, kann man ein Lachen kaum unterdrücken: Dmitri trägt den blechernen Spielzeug-Harnisch eines Ritters und einen ebenso...
