Produktive Distanz
War da was? Die Furie des Verschwindens, diesmal im Auftrag des Kobolds Postmoderne, hat die einst so mächtig scheinenden Phänomene der um den Serialismus kreisenden musikalischen Avantgarde verdeckt, verschüttet, ja nahezu schon die Erinnerung daran gelöscht.
Wem bedeuten Schnitte ins Opernbewusstsein wie Henri Pousseurs «Votre Faust» (Piccola Scala Mailand 1969) oder Pierre Henrys «Kyldex I» (Staatsoper Hamburg 1973) noch etwas? Hier ging es nicht nur um die radikale Abkehr von Erzähl- und Literaturoper, sondern um rabiate Form-Destruktion, nicht zuletzt durch den Versuch, das Publikum «interaktiv» einzubeziehen. Achtungserfolge ernteten Anti-Opern-Konzepte wie Mauricio Kagels «Staatstheater» und John Cages «Europeras». Die Position der geglückten Synthese von Werkzertrümmerung und Großwerk, narrativem und nichtnarrativem Theater, vertrat einsam Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern» (Hamburg 1997). Seit 1960 («Intolleranza») tasteten sich auch Avantgardisten wie Luigi Nono, Luciano Berio, György Ligeti wieder an kompakte Operndramaturgien (und Opernhäuser) heran. Und irgendwo im Hintergrund dräute und dräut noch die Herausforderung eines megaloman-inkommensurablen ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Hans-Klaus Jungheinrich
Der erste Wagner-Verband wurde 1871 in Mannheim gegründet, zu einer Zeit also, als noch nicht einmal der Grundstein für das Bayreuther Festspielhaus gelegt war. Verantwortlich dafür war der Musikalienhändler Emil Heckel (1831-1908), dem Wagner später folgende Widmung schrieb: «Hat jeder Topf seinen Deckel, jeder Wagner seinen Heckel, dann lebt sich’s ohne Sorgen,...
Wenn Opernkenner sich in den Pausen langer Wagner-Aufführungen unterhielten, kamen sie bisweilen auf Ernest Reyer zu sprechen. Der habe es nämlich gewagt, die Nibelungen-Sage ebenfalls zu vertonen. 1884, acht Jahre nach Wagners «Ring», sei das Werk in Brüssel uraufgeführt worden und in Frankreich bis zum Zweiten Weltkrieg recht erfolgreich gewesen, danach aber nur...
Charles Gounods «Faust» verschiebt die Dramaturgie der Goethe’schen Vorlage weg vom Erkenntnis- und Erlebnisdrang des ruhelosen Gelehrten hin zur Gretchen-Tragödie. Am Theater Hagen hat nun Regisseur Holger Potocki versucht, die Gewichte zugunsten des Titelhelden wieder in die Gegenrichtung zu verschieben, indem er die Handlung als eine Art Rückschau des...
