Prager Frühling
Alle reden immer vom Anfang, von jener mythisch überladenen Ursuppe, aus der heraus die Musik zu «Rheingold» erwächst, in erst zarten, dann imposant sich zu überirdischer Schönheit auftürmenden Es-Dur-Wellen emporsteigt. Dabei ist das Ende dieses Musikdramas, mit dem die ganze Götterdämmerung einsetzt (obwohl die Tetralogie ja erkennbar von uns Menschen handelt) weit spannender. Allein die raffinierten harmonischen Verschiebungen bergen erheblichen Reiz.
Den Auftakt macht Erdas pseudophilosophische Weissagung «Alles, was ist, endet» (Ach, wirklich?), die sich aus trübem cis-Moll zu wesentlich hellerem A-Dur aufklart, bevor die Musik durch mehrere, weit voneinander entfernte Tonarten hindurchschlüpft (oder auch mal ruckelt), bis sie schließlich im heilig-versöhnlichen Des-Dur-Hafen anlangt. Ein trügerischer Schluss, denn zuvor, während Wotan in die Riesenburg Walhall einzieht, hat Loge singend den vielleicht entscheidenden Satz gesagt: «Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen.»
Darum vor allem geht es im «Ring». Um den Größenwahn von Göttern wie Menschen. Um den fehlenden moralischen Fortschritt. Um mangelhafte (Selbst-)Erkenntnis. All dies zeigt sich im ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Jürgen Otten
Man hört es und ist sogleich mittendrin in Novalis’ «Hymnen an die Nacht» – auf jenem tiefen, von dunklen Gedanken ummantelten Seelenschmerzfeld, das sich in den Versen ausbreitet, die Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (wie der romantischste aller romantischen Dichter mit bürgerlichem Namen hieß) nach dem viel zu frühen Tod seiner Braut Sophie von Kühn aufs...
Die Metropolitan Opera feiert mit ihrer neuesten Wagner-Inszenierung einen dringend benötigten Punktsieg beim Publikum – und damit auch einen Erfolg der Finanzen. Lautstarker Jubel vor ausverkauftem Haus. Wie schon bei der vorherigen «Tristan»-Inszenierung – Mariusz Treliński lieferte sie 2016– verbindet Yuval Sharon bei seinem Debüt einige interessante Ideen mit...
Nur in den ersten paar Vorspieltakten hat die gute Seel’ noch Ruh’; danach hebt im Innern der gotischen Ruine lebhaftes Pilger- und Touristentreiben an, und von diesem Punkt an wird Wagners Musikdrama, eigentlich eines der am bedächtigsten atmenden der Bühnengeschichte, konsequent zerzappelt und zerdaddelt. «Sankt Parsifal» soll die zerbröckelnde Abtei laut...
