Horror vacui
Nur in den ersten paar Vorspieltakten hat die gute Seel’ noch Ruh’; danach hebt im Innern der gotischen Ruine lebhaftes Pilger- und Touristentreiben an, und von diesem Punkt an wird Wagners Musikdrama, eigentlich eines der am bedächtigsten atmenden der Bühnengeschichte, konsequent zerzappelt und zerdaddelt. «Sankt Parsifal» soll die zerbröckelnde Abtei laut Programmheft heißen.
Das ist jene Art angesäuerter, sich unter scheinironischen Witzeleien tarnender Halbdistanz, der man im weiteren Verlauf von Floris Vissers Inszenierung noch begegnet, etwa dort, wo Klingsors Blumenmädchen wie in einem schlechten Kostüm-Pornostreifen als Nonnen und Krankenschwestern auftreten. Wenn die züchtige Compagnie dann ihre Kleider ablegen darf, bleibt kreatürlich Erotisches – bei Wagner als dunkler Gegenpol zur lichten Transzendenz immer mitgedacht und mitkomponiert – trotzdem komplett auf der Strecke: Halbheiten und Verkrampfungen allerorten.
So auch in der darauffolgenden Begegnung zwischen dem Titelhelden und Kundry. Da strahlt Michèle Losier (nun ebenfalls im frommen Habit, nachdem sie im ersten Akt als rotgestiefelte, nach Ruhe und Trost suchende Edel-Prostituierte erschienen war) bei diesem ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Gerald Felber
Herr Heide, dürfen wir uns das Verhältnis zwischen einer Sängerin oder einem Sänger und einem Pianisten als ein erotisches vorstellen?
Das dürfen Sie, allerdings gefielen mir da auch Beschreibungen wie «innig», «freundschaftlich» oder «symbiotisch». Aber jetzt, wo Sie fragen, kommt mir sofort eine Sentenz von Christa Ludwig in den Sinn, die im hohen Alter...
Leicht müsse man sein, «mit leichtem Herzen und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen …», singt die Feldmarschallin im ersten Aufzug des «Rosenkavaliers». Auch in der Heidelberger Inszenierung von Andrea Schwalbach ist Leichtigkeit das Schlüsselwort. Als «Komödie für Musik» haben der Komponist und sein Textdichter Hugo von Hofmannsthal das Stück...
Man stelle sich vor: eine Gefängniszelle, darin die vier mythischen Angeklagten Medea, Antigone, Elektra, Penthesilea. Der Raum bärste vor Energie, Funken schlügen bis zum Himmelszelt hinauf, und vermutlich würden sich die Damen gegenseitig übertreffen in ihrem Bemühen, die tragischste aller antiken Gestalten zu sein. Medea, weil sie für sich reklamiert, die einzig...
