Horror vacui
Nur in den ersten paar Vorspieltakten hat die gute Seel’ noch Ruh’; danach hebt im Innern der gotischen Ruine lebhaftes Pilger- und Touristentreiben an, und von diesem Punkt an wird Wagners Musikdrama, eigentlich eines der am bedächtigsten atmenden der Bühnengeschichte, konsequent zerzappelt und zerdaddelt. «Sankt Parsifal» soll die zerbröckelnde Abtei laut Programmheft heißen.
Das ist jene Art angesäuerter, sich unter scheinironischen Witzeleien tarnender Halbdistanz, der man im weiteren Verlauf von Floris Vissers Inszenierung noch begegnet, etwa dort, wo Klingsors Blumenmädchen wie in einem schlechten Kostüm-Pornostreifen als Nonnen und Krankenschwestern auftreten. Wenn die züchtige Compagnie dann ihre Kleider ablegen darf, bleibt kreatürlich Erotisches – bei Wagner als dunkler Gegenpol zur lichten Transzendenz immer mitgedacht und mitkomponiert – trotzdem komplett auf der Strecke: Halbheiten und Verkrampfungen allerorten.
So auch in der darauffolgenden Begegnung zwischen dem Titelhelden und Kundry. Da strahlt Michèle Losier (nun ebenfalls im frommen Habit, nachdem sie im ersten Akt als rotgestiefelte, nach Ruhe und Trost suchende Edel-Prostituierte erschienen war) bei diesem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Gerald Felber
Die «glorreichen Sieben» gibt es gleich zweimal. Einmal als Western von John Sturges aus dem Jahr 1960 (die Remakes nicht mitgezählt) und einmal, was für unsere Belange weit wichtiger erscheint, als Liste jener Komponisten, die Philip Herschkowitz verehrte: Bach, Mozart, Beethoven, Mahler, Wagner, Schönberg und Webern. Der Kaiser unter diesen Königen war Beethoven;...
Es muss Außergewöhnliches, ja, Einzigartiges anstehen, wenn ein Komponist mitten im Stück nicht nur Tonund Taktart wechselt, sondern dazu noch drei Fermaten und direkt davor ein morendo notiert. Still also muss es sein, nein: sterbensstill, bevor Fritz, der Pierrot, sein Loreley-Lied «Mein Sehnen, mein Wähnen» anstimmt, in geheiligtem Des-Dur und süß-sahnigstem pia...
Leise rieselt der Schwan. Natürlich nicht der ganze, das wäre doch ein bisschen zu viel des Gefieders. Um das mit satten Klängen und bass erstaunten Ausrufen beschworene «Wunder» in ein triftiges Bild zu fassen, genügen einzelne Federn des sagenumwobenen Tiers, die nun von der Decke des Festspielhauses in Baden-Baden sanft in den Saal hinabschweben, derweil der...
