Potpourri ohne Botschaft
Pique Dame beeindruckt mich nicht, zu diesem Sujet würde ich nur Minderwertiges schreiben können.» So Peter Iljitsch Tschaikowsky 1888 in einem Brief. Zwei Jahre später hatte er es sich anders überlegt und seine dritte Puschkin-Oper – nach «Eugen Onegin» und «Mazeppa» – binnen eines guten Monats aufs Papier geworfen. Ein wenig zu schnell. Neben den späten Instrumentalwerken wirkt «Pique Dame» geradezu uninspiriert, konstruiert, nicht durchgehend überzeugend.
Ihr Repertoirestatus beruht auf der nervenkitzelnden Handlung, auf der neurussischen Mystik, die Puschkin und Lermontow (die beide in Duellen fielen) begründeten und die auch Tolstoi, Turgenjew, Dostojewski und Tschechow bedienten: dem Mythos tragischer Männlichkeit, dem Typus des trinkfesten, kartenspielenden Schürzenjägers in Uniform. Puschkins Offizier Hermann ist der berühmteste, allerdings auch sonderbarste Vertreter dieser Spezies, ein armer Irrer vom Stamme der Raskolnikows und Stawrogins. Das Libretto Modest Tschaikowskys, als Poesie wertlos, fand keinen Abnehmer, bis sich sein Bruder erbarmte. Unter seinen Händen wuchs Hermann zu dämonischer Größe heran; er ist in jeder Szene gefordert, unausgesetzt. Wer die Rolle ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Volker Tarnow
Als im Februar 2022 – als Resultat einer halbhundertjährigen editorischen Herkulesarbeit – der letzte Band der Kritischen Ausgabe «Sämtlicher Werke» Hugo von Hofmannsthals erschien, war eine der größten bibliografischen Lücken in der Wunderkammer der Weltliteratur geschlossen und ein Œuvre erfasst, welches in seiner stilistischen, semiotischen und literarischen...
Am Ende kratzte man sich den Kopf. Sicher, das kann bei Uraufführungen schon mal vorkommen. Aber es ist doch eine Seltenheit, dass immer auch das Gegenteil dessen zumindest nicht ganz falsch ist, was man zugunsten einer Aufführung sagen oder als Kritik an ihr einwenden möchte. Dieser Abend war gute drei Stunden lang lähmend und erfrischend, locker und verkrampft,...
Man liest es und staunt. «Österreichische Erstaufführung». 90 Jahre hat es gedauert, bis man in jenem Land, das sich die Nazis 1938 per «Anschluss» einverleibten und aus dessen Reihen immerhin jener Dämon stammte, der für den Tod von mehr als 60 Millionen Menschen verantwortlich zeichnet, auf die Idee kam, ein Musiktheater zu programmieren, das zwei Jahre nach der...
