Deutschstunde
Man liest es und staunt. «Österreichische Erstaufführung». 90 Jahre hat es gedauert, bis man in jenem Land, das sich die Nazis 1938 per «Anschluss» einverleibten und aus dessen Reihen immerhin jener Dämon stammte, der für den Tod von mehr als 60 Millionen Menschen verantwortlich zeichnet, auf die Idee kam, ein Musiktheater zu programmieren, das zwei Jahre nach der Machtergreifung Hitlers so eindrücklich wie parabelhaft vor dem warnte, was da kommen würde, in «guter» alter deutscher Tradition.
Ein Werk, das man in keiner Sekunde genießen kann, weil es sich einer wie auch immer gearteten «Schönheit» verweigert, ja nicht einmal eine echte Geschichte erzählt. «Des Simplicius Simplicissimus Jugend» von Karl Amadeus Hartmann, kaum zufällig zunächst als Rundfunkoper ans Licht der Welt gedrungen, ist weit mehr imaginäres Theater und Hör-Lehr-Stück aus dem Geiste des Epischen Theater als eine Oper im herkömmlichen (dramatisch unterhaltenden) Sinne.
Interessant daran ist vor allem der Untertitel: «Bilder einer Entwicklung aus dem deutschen Schicksal», nennt der Komponist seinen «Simplicius». Darin steckt Vages, aber auch Bestimmtes: Da will jemand warnen, davor, dass sich Dinge wiederholen. ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Auf dem Parnass muss es wohl wunderbar sein. Dort, wo nicht nur Apoll mit seinen neun Musen lustwandelt, sondern vermutlich auch jene gerechten Götter wohnen, die Cleopatra in ihrem aus Seide gewebten fis-Moll-Largo «Se pietà» um Beistand anfleht, wähnen die Irdischen ein Idyll, welches sie auf Erden vergeblich suchen, und seien sie noch so begabt in den...
Wenn sie sich dazu entschieden haben, mich zu töten, heißt das, dass wir unglaublich stark sind.» Letzte Worte, aufgenommen vor dem nicht angekündigten, aber doch erwartbaren Tod. Und es ist keine bemüht aktualisierende Regie-Idee – der tragische Fall Alexej Nawalny spukt ohnehin durch diese Aufführung. Also soll dem gerade Ermordeten per Lautsprecher-Zitat auch...
So viel gereckte Fäuste, wütend im Widerstand gegen eine verkehrte Welt. Später dann, am zweiten Abend des zweiteiligen, von Krystian Lada arrangierten Verdi-Pasticcios an Brüssels La Monnaie: so viel Pistolengefuchtel wie lang nicht mehr gesehen; schließlich geht es ja um die Geschichten von ein paar Männern und Frauen, damals, 1968, und 40 Jahre danach. Zwischen...
