Deutschstunde
Man liest es und staunt. «Österreichische Erstaufführung». 90 Jahre hat es gedauert, bis man in jenem Land, das sich die Nazis 1938 per «Anschluss» einverleibten und aus dessen Reihen immerhin jener Dämon stammte, der für den Tod von mehr als 60 Millionen Menschen verantwortlich zeichnet, auf die Idee kam, ein Musiktheater zu programmieren, das zwei Jahre nach der Machtergreifung Hitlers so eindrücklich wie parabelhaft vor dem warnte, was da kommen würde, in «guter» alter deutscher Tradition.
Ein Werk, das man in keiner Sekunde genießen kann, weil es sich einer wie auch immer gearteten «Schönheit» verweigert, ja nicht einmal eine echte Geschichte erzählt. «Des Simplicius Simplicissimus Jugend» von Karl Amadeus Hartmann, kaum zufällig zunächst als Rundfunkoper ans Licht der Welt gedrungen, ist weit mehr imaginäres Theater und Hör-Lehr-Stück aus dem Geiste des Epischen Theater als eine Oper im herkömmlichen (dramatisch unterhaltenden) Sinne.
Interessant daran ist vor allem der Untertitel: «Bilder einer Entwicklung aus dem deutschen Schicksal», nennt der Komponist seinen «Simplicius». Darin steckt Vages, aber auch Bestimmtes: Da will jemand warnen, davor, dass sich Dinge wiederholen. ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Die Menschen in Tschechows Theaterstücken, die, beobachtet man sie bei ihrem Tun, weit mehr Menschen sind als nur Figuren auf einem imaginären Schachbrett, leiden fast ausnahmslos an einer Diskrepanz. Es ist die (gänzlich undialektische) Diskrepanz zwischen dem, was sie sich wünschen und wollen, und dem, was sie daraus zu machen imstande sind. Das Leben, wenngleich...
Richard Wagners Diktum, er sei der Welt noch einen «Tannhäuser» schuldig, lässt sich in gewissem Sinne auch auf Giuseppe Verdis «Don Carlos» übertragen. Nur zum Teil befriedigende Versionen des Stücks gibt es etliche. Regisseur Michael von zur Mühlen, Autor Thomas Köck und Dirigent André de Ridder reihen sich mit ihrer «Freiburger Fassung» nun darin ein. Ihre...
Am Ende kratzte man sich den Kopf. Sicher, das kann bei Uraufführungen schon mal vorkommen. Aber es ist doch eine Seltenheit, dass immer auch das Gegenteil dessen zumindest nicht ganz falsch ist, was man zugunsten einer Aufführung sagen oder als Kritik an ihr einwenden möchte. Dieser Abend war gute drei Stunden lang lähmend und erfrischend, locker und verkrampft,...
