Pfahl im Fleische, Türen ins Nichts
Blicken wir, nur für eine flüchtige Weltsekunde, zurück und denken dabei an jenen hastig hingehackten Satz, den der frisch geadelte Herr von Faninal im zweiten Akt von Strauss’ «Rosenkavalier» singend ausspricht: «Ein ernster Tag, ein großer Tag, ein Ehrentag, ein heil’ger Tag.» Ein solch denkwürdiges Datum ist auch der 27. April 1784. Tout Paris ist auf den Beinen, jedenfalls jenes Paris, das sein Theater und das Spektakel liebt.
Schon viele Stunden vor Beginn der Uraufführung drängen sich mehrere tausend Menschen rund um die Comédie Française, das heutige, in der Nähe des Palais du Luxembourg gelegene Théâtre Odéon, und versuchen mit Gewalt, Eingang in die heilige Halle zu erlangen. Bis herunter zum Seine-Ufer staut sich die Kutschenschlange. Als schließlich um die Mittagszeit Gitter und Tore der Wucht nachgeben, gibt es kein Halten mehr. Bei dem ausbrechenden Tumult werden drei Personen mit Parterrekarten zu Tode erdrückt. Auch im Innern des aufwändig restaurierten Theaters herrscht das reine Tohuwabohu. Unter den Öllampen (sie haben die bislang benutzten Kerzen ebenso ersetzt wie ausnahmslos Sitz- die zuvor angestammten Stehplätze) tummeln sich Damen und Herren des Hochadels, ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten
Wer Jobst vom Brandt sagt, muss auch Georg Foster sagen. Letzterer war ebenfalls Komponist, bedeutend wurde er aber vor allem als eine Art Musikmanager der Renaissance: Foster war Liedsammler und -herausgeber; seine fünfteilige Sammlung «Frische teutsche Liedlein» gilt als wegweisend für die Entwicklung des deutschen Liedguts. Die Sammlung umfasst 321 vierstimmige...
Im Anfang war das Wort. Nicht jedoch das geschriebene. Im Anfang war der Klang, das gesprochene, gesungene Wort, die menschliche Stimme, aus der heraus ein ganzer Kosmos an Mitteilungsformen erwachsen kann – im günstigsten Fall. Die Stimme als Faszinosum, als Mittel, um höchste kulturelle Leistungen zu erbringen (man denke nur an die Opern dieser Welt), aber auch...
Kein Bühnenwerk Richard Wagners konfrontiert ein Produktionsteam am Theater wohl mit derart vielen konzeptionellen Vorabüberlegungen wie die romantische Oper «Tannhäuser». Und das hat viel damit zu tun, dass der Komponist selbst es war, der dieses Stück als etwas Unvollendetes betrachtete. Er sei der Welt «noch einen Tannhäuser schuldig», beteuerte er gegenüber...
