Die Hähne haben Husten
Was ist das doch für ein wunderlicher, wahrer, weltumspannender Satz: «Fremd bin ich eingezogen, / fremd zieh’ ich wieder aus.» In wenigen Worten beschreibt der Dichter Wilhelm Müller eines der zentralen Dilemmata aller Zeiten – die Unbehaustheit des Menschen (im Äußeren wie im Inneren), seine Angst vor dem Verlust der Heimat, an Zuneigung, an Liebe, kurzum: dem Verlust der Essenz.
Franz Schubert hat dies im Vorspiel zum ersten Lied seiner «Winterreise» kongenial verklanglicht, mit jener absteigenden Linie, die dem imaginären Wanderer offenbart, wohin sein Weg vermutlich führen wird. Nur wie klingt das so seltsam, wenn es von einem Englischhorn gespielt wird, das nicht den Hauch von Tristans Leid an Cornwalls Küste zu entfachen vermag, so quengelnd-quäkend, so biedermeierlich verspannt.
Nein, man wird nicht warm mit diesem Klang. Auch in der Folge nicht. Und das liegt weniger an der Kunst des Arrangeurs (und Englischhornisten) Eduard Wesly, der den Pianoforte-Part der «Winterreise» seinem Instrument sowie einem Streichtrio aus Violine, Viola und Violoncello «überschrieben» hat (welches in Gänze unter dem Namen «Grundmann-Quartett» firmiert), als vielmehr in der Tatsache begründet, ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 32
von Jan Verheyen
Es läuft nicht immer alles nach Wunsch. Auf dem Papier war es ein Krönungsabend für die Sonnambula unseres Jahrhunderts; ein Abend, der die großen Nachtwandlerinnen der Vergangenheit vergessen machen sollte, von Giuditta Pasta über Maria Callas bis zu June Anderson. Und ja, Lisette Oropesa hat alle Voraussetzungen, um mit den genannten Göttinnen zu konkurrieren....
Ein Mann begegnet eines Tages jemandem, der genauso aussieht, wie er selbst – seinem Doppelgänger. Von Stund’ an wird der Titularrat Goljadkin im zaristischen Russland zum Objekt einer Bewusstseinsspaltung, die ihn schließlich in den Wahnsinn treibt. Soweit die Geschichte in Fjodor Dostojewskis Roman «Dvojnik» («Der Doppelgänger») von 1846. Eine Dystopie, schon...
Alle Schwalben fliegen, wenn sie, wie der Volksmund sagt, weiterhin schönes Wetter versprechen, hoch. Diese nicht. «La rondine», so ihr originaler Name, schwirrt irgendwo in den tiefhängenden Wolken umher, ohne je den Weg zur Sonne gefunden zu haben. Die Musikgeschichte hat Giacomo Puccinis Commedia lirica auf eine Stufe mit seinen frühen (Fehl-)Versuchen gestellt,...
