Parnass und Paradies

Norwegen feiert sich selbst. Vor hundert Jahren wurde die Union mit Schweden aufgelöst. Die Uraufführung zum Thema liefert die älteste Opernkompanie des Landes in Kristiansund. In Oslo schürt derweil Stefan Herheim mit einem brillanten «Giulio Cesare» die Vorfreude auf das neue Opernhaus, das 2008 eröffnet werden soll.

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Ein bisschen neblig ist es auf dem Par­nass. Geiger und Holzbläser in seidenweißen Barockroben und gepuderten Perücken sitzen um eine lange Tafel. Himmlische Musik tönt aus ihren Instrumenten und knüpft einen akustischen Teppich für die schönste Frau der Welt. Cleopatra, strahlend blond, mit ebenso strahlend roten Lippen und tief ausgeschnittenem Paillettenkleid, wiegt sich im milden Rhythmus. Sie führt ihren silberhellen Sopran langsam und lasziv auf diesem Teppich spazieren: «V’adoro pupille».

Die neun Musen, die sich das Libretto wünscht, sind auch da, freilich ein bisschen anders als erwartet. Auf der Tafel prunken neun Tischkärtchen mit neun Logos. Lustvoll gleiten Cleopatras Finger über jedes dieser Kärtchen wie über zentrale Organe eines Luxuskörpers. Das alles ist so hinreißend ernsthaft in seiner Komik, dass das Publikum lauthals losprustet. Denn die neun Logos gehören den neun politischen Parteien, die sich jahrelang um das neue Opernhaus von Oslo gestritten haben. Wenn Cleopatra den höchsten und spitzesten Ton ihrer Koloratur erreicht, greift sie besonders liebevoll nach dem Kärtchen der Konservativen, die am massivsten gegen das Projekt protes­tiert hatten. Dann steckt ...

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Opernwelt April 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
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