Parnass und Paradies
Ein bisschen neblig ist es auf dem Parnass. Geiger und Holzbläser in seidenweißen Barockroben und gepuderten Perücken sitzen um eine lange Tafel. Himmlische Musik tönt aus ihren Instrumenten und knüpft einen akustischen Teppich für die schönste Frau der Welt. Cleopatra, strahlend blond, mit ebenso strahlend roten Lippen und tief ausgeschnittenem Paillettenkleid, wiegt sich im milden Rhythmus. Sie führt ihren silberhellen Sopran langsam und lasziv auf diesem Teppich spazieren: «V’adoro pupille».
Die neun Musen, die sich das Libretto wünscht, sind auch da, freilich ein bisschen anders als erwartet. Auf der Tafel prunken neun Tischkärtchen mit neun Logos. Lustvoll gleiten Cleopatras Finger über jedes dieser Kärtchen wie über zentrale Organe eines Luxuskörpers. Das alles ist so hinreißend ernsthaft in seiner Komik, dass das Publikum lauthals losprustet. Denn die neun Logos gehören den neun politischen Parteien, die sich jahrelang um das neue Opernhaus von Oslo gestritten haben. Wenn Cleopatra den höchsten und spitzesten Ton ihrer Koloratur erreicht, greift sie besonders liebevoll nach dem Kärtchen der Konservativen, die am massivsten gegen das Projekt protestiert hatten. Dann steckt ...
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