Parnass und Paradies
Ein bisschen neblig ist es auf dem Parnass. Geiger und Holzbläser in seidenweißen Barockroben und gepuderten Perücken sitzen um eine lange Tafel. Himmlische Musik tönt aus ihren Instrumenten und knüpft einen akustischen Teppich für die schönste Frau der Welt. Cleopatra, strahlend blond, mit ebenso strahlend roten Lippen und tief ausgeschnittenem Paillettenkleid, wiegt sich im milden Rhythmus. Sie führt ihren silberhellen Sopran langsam und lasziv auf diesem Teppich spazieren: «V’adoro pupille».
Die neun Musen, die sich das Libretto wünscht, sind auch da, freilich ein bisschen anders als erwartet. Auf der Tafel prunken neun Tischkärtchen mit neun Logos. Lustvoll gleiten Cleopatras Finger über jedes dieser Kärtchen wie über zentrale Organe eines Luxuskörpers. Das alles ist so hinreißend ernsthaft in seiner Komik, dass das Publikum lauthals losprustet. Denn die neun Logos gehören den neun politischen Parteien, die sich jahrelang um das neue Opernhaus von Oslo gestritten haben. Wenn Cleopatra den höchsten und spitzesten Ton ihrer Koloratur erreicht, greift sie besonders liebevoll nach dem Kärtchen der Konservativen, die am massivsten gegen das Projekt protestiert hatten. Dann steckt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen: Dietrich Hilsdorf hat seine Inspiration zur szenischen Umsetzung der Johannes-Passion aus dem griechischen Dorf Lias mitgebracht. Eine gute, eine passende Chiffre für Besatzungs- und Bürgerkriegssituationen, an denen die griechische neuere Geschichte so traurigen Reichtum birgt. Dieter Richters Bühnenbild bringt...
Letzter Akt: Wenn Wally im diffusen Licht des eisigen Gebirges, in das sie sich zurückgezogen hat, verzweifelt, einsam, schuldbeladen und dem Wahnsinn nahe, Berg- und Schneegeister zu sehen glaubt, erhält die Berner Inszenierung von Catalanis Dramma lirico für einen Augenblick eine irreale Note – ein Regieansatz, der für dieses eigenwillige Stück durchaus...
Joseph Haydn hat in den 1770er und 80er Jahren als Opernkapellmeister in Eszterháza nicht nur zahlreiche Einlage-Arien zu fremden Werken komponiert, er hat die Partituren auch den Fähigkeiten seiner Sänger und den Möglichkeiten des örtlichen Orchesters angepasst. Mit solchen Bearbeitungen beschäftigt sich ein Forschungsprojekt des Joseph Haydn-Institus Köln und der...
