Das Schöne, Wahre, Gute
Zeitgeschichte und reale Lebenswelt spielen im Musiktheater unserer Tage oft nur eine marginale Rolle: Krieg der Zivilisationen, Massenarbeitslosigkeit, Naturkatastrophen – von derlei Phänomenen mögen Millionen betroffen sein, doch als Stoff, aus dem bewegende Opern zu gewinnen wären, taugen sie deshalb noch lange nicht. Statt auf der Bühne Probleme des banalen Lebens zu verhandeln, beschäftigen sich Komponisten wie Librettisten lieber mit hoher Literatur oder letzten Dingen: mit Märchen und Mythen zum Beispiel, dem Allmächtigen oder den Mysterien spiritueller Erkenntnis.
Gerade in einer entzauberten Welt, so scheint es, wächst das Bedürfnis, sich verzaubern zu lassen – und die Bereitschaft, den Zumutungen des Alltags die Verheißungen wohltemperierter Kunst-Sublimierung entgegenzusetzen.
Dass ein unerschrockener Gottesmann wie Martin Luther jüngst gleich zweimal zum Helden einer Oper avancierte, passt vor solchem Hintergrund ins Bild: Peter Aderholt verfasste sein Opus über den Wittenberger Reformator zur Eröffnung des Opernhauses in Erfurt (2003), drei Jahre zuvor war bereits in Helsinki eine klingende «Luther»-Biografie des finnischen Rautavaara-Schülers Kari Tikka uraufgeführt ...
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Die Konzertmuschel, die die Drehbühne füllt, grünt pistazienpastell. Die Liegestühle davor sind zahnpastamintfrisch bespannt, der Rundhorizont dämmert oliv – als ob Ang Lees grüner Superheld Hulk auf der Bühne der Komischen Oper zerplatzt wäre. Davor leuchtet es bonbonrosa, hellblau, lila, gelb, knallpink, türkis. Petticoats, Turmfrisuren, viel Kleinkariertes,...
Eine einzige Zeile benötigte Alois Ferdinand Ludwig Ritter von Köchel für seine Registrierung der Sopranarie «Per pietà, bell´idol mio» als Nummer 78 in seinem «Chronologisch-thematischen Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts». In Helmut Kirchmeyers «Kommentiertem Verzeichnis der Werke & Werkausgaben Igor Strawinskys» nimmt die Nummer 78 nicht...
Dass Sergej Rachmaninows Puschkin-Adaption «The Miserly Knight» («Der geizige Ritter») im Repertoirebetrieb nie eine feste Größe wurde, dürfte kaum auf die musikalische Faktur des 1906 am Moskauer Bolschoi Theater uraufgeführten Einakters zurückzuführen sein. Denn zweifellos trägt diese – nach «Aleko» (1892) und zeitgleich mit «Francesca da Rimini» vollendete –...
