Parallelwelten
Das sagt sich nicht», antwortet sein Mentor Gurnemanz dem reinen Toren Parsifal, als dieser wissen will, wer oder was denn der Gral nun sei. Jenseits seines eigenen Textbuchs aber ist Richard Wagner ungleich auskunftsfreudiger und bezieht sich auf «die Trinkschale des Abendmahles, in welcher Joseph von Arimathia das Blut des Heilands am Kreuze auffing». Das heilige Blut des geopferten Gottessohnes wie das sündige Blut des Gralskönigs Amfortas zieht sich dann auch wie ein doppelter roter Faden durch das Bühnenweihfestspiel.
Zuletzt ließ Michael Thalheimer, bei sonst ihm eigener Reduktionsästhetik, in Genf ganze Hektoliter von Bühnenblut spritzen.
Eric Vigié ist kein Freund derart drastischer theatralischer Mittel. Und doch nimmt er seinen Wagner im Stadttheater Minden auf verblüffende Weise beim Wort. Schon im Vorspiel zeigt er die mittlerweile 2000 Jahre zurückliegende Vorgeschichte: Ein römischer Legionär stößt dem sterbenden Jesus seinen Speer in die Seite, Joseph von Arimathia fängt das herausschießende Blut im Kelch des letzten Abendmahls auf: Die beiden zentralen Symbole des Stücks sind damit klar und samt ihrer Konnotation als christliche Reliquien eingeführt. Zwischen ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Peter Krause
Fangen wir, aus gegebenem Anlass, mit der Musik an. Zweiter Akt, Finale. Das Dunkel scheint sich zu lichten, wo vorher sehr viel f-Moll war, dominiert nun pastoral-pfiffiges F-Dur. Ein Tanz im Viervierteltakt, übermütig, zugleich hintergründig – Giuseppe Verdi wusste sehr wohl, wie man Klänge subversiv einwirken lässt. Und so ist es auch in diesem Allegro brillante...
Kaum ein Werk des italienischen Repertoires steht wohl derart unter kritischem Regiebeschuss wie «Aida». Lange bevor sich eine junge Generation gebärdete, als hätte sie die Verbrechen des Kolonialismus entdeckt, er -regte Verdis für Kairo geschriebene Quasi-Grand-Opéra einiges Unwohlsein, weil sie Imperialismus nicht nur thematisierte, sondern selbst kulturellen...
Es ist ein interessantes Experiment, das jüngst an der Opéra de Rouen Normandie angestellt wurde. In Zusammenarbeit mit dem Palazzetto Bru Zane, dem in Venedig beheimateten Zentrum für französische Musik der Romantik, brachte das Haus nach der Urfassung von Offenbachs «La Vie Parisiènne» im Jahr 2021 nun die Ur-«Carmen» heraus. Nicht in musikalischer Hinsicht:...
