Opulenter Faschingsspuk
Das Englischhorn schnulzt, begleitet von der Harfe, eine zärtliche Arietta, die Tuba stampft mit schwerfälligen Koloraturen hinterher: Um verrückte Orchesterideen ist Hector Berlioz nie verlegen gewesen. Sein Orchester trällert, flüstert, parliert und explodiert auf jede erdenkliche Weise. Und das kann so amüsant sein, dass man die menschliche Stimme dabei gar nicht vermisst. Zum Beispiel mitten im virtuosen ersten Finale von Berlioz’ meisterhafter Opéra comique «Benvenuto Cellini».
Da schürzt ein Stück im Stück den dramaturgischen Knoten, und das Orchester erledigt alles allein – bis der parodierte Hagestolz wütend wird und jener Tumult ausbricht, den Benvenuto Cellini für die Flucht mit seiner Angebeteten angezettelt hat.
Dieses Finale ist ohne Zweifel eines der bedeutendsten und schwersten der ganzen Opernliteratur. Ein Faschingsdienstagsspuk voller Verkleidung, Verwechslung, Verspottung samt Mord und Angeboten zum Totlachen. Der innere und äußere Drive könnte nicht schneller sein. Viele Opernhäuser trauen sich kaum, dieses Ensemblestück überhaupt anzusetzen. Deshalb tauchen die monumentalen «Trojaner» und der gar nicht als Oper gedachte «Faust» von Berlioz ungleich häufiger ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Johannisnacht – mit dem nervösen Herzschlag der Pauken und unortbarem Summen zeichnet Philippe Boesmans in seiner Kammeroper «Julie» die subtile Spannung dieser Nacht der Lizenzen und der Triebe. Es darf geträumt werden, und Boesmans gönnt der Köchin Christine unterm Holderbaum ein melodisch fortziehendes Sehnsuchtsmotiv, das noch wiederholt durch die Instrumente...
Die Idee ist bestechend, wiewohl sie Dietrich Hilsdorf schon vor zehn Jahren als Urgrund seiner Auseinandersetzung mit Mozarts «Entführung» verwendet hatte, seinerzeit in Gelsenkirchen. Kein Harem irgendwo, sondern ein Saal eines Schlosses in der k. u. k.-Hauptstadt bildet den Spielort für seine Inszenierung. Dieter Richter hat ihm für Leipzig einen von der...
«Wehe der Zeit, die keine Helden hat», klagt Galileos Lieblingsschüler. Und der Meister flüstert ihm zu: «Wehe der Zeit, die Helden nötig hat». Dann wendet er sich zu Tisch, weil er, der von der Inquisition überwachte, verachtete und gebrochene Wissenschaftler, immer noch gern isst. So endet Michael Jarrells Oper «Galilée», ein Werk, im Auftrag des Genfer Grand...
