Opulenter Faschingsspuk
Das Englischhorn schnulzt, begleitet von der Harfe, eine zärtliche Arietta, die Tuba stampft mit schwerfälligen Koloraturen hinterher: Um verrückte Orchesterideen ist Hector Berlioz nie verlegen gewesen. Sein Orchester trällert, flüstert, parliert und explodiert auf jede erdenkliche Weise. Und das kann so amüsant sein, dass man die menschliche Stimme dabei gar nicht vermisst. Zum Beispiel mitten im virtuosen ersten Finale von Berlioz’ meisterhafter Opéra comique «Benvenuto Cellini».
Da schürzt ein Stück im Stück den dramaturgischen Knoten, und das Orchester erledigt alles allein – bis der parodierte Hagestolz wütend wird und jener Tumult ausbricht, den Benvenuto Cellini für die Flucht mit seiner Angebeteten angezettelt hat.
Dieses Finale ist ohne Zweifel eines der bedeutendsten und schwersten der ganzen Opernliteratur. Ein Faschingsdienstagsspuk voller Verkleidung, Verwechslung, Verspottung samt Mord und Angeboten zum Totlachen. Der innere und äußere Drive könnte nicht schneller sein. Viele Opernhäuser trauen sich kaum, dieses Ensemblestück überhaupt anzusetzen. Deshalb tauchen die monumentalen «Trojaner» und der gar nicht als Oper gedachte «Faust» von Berlioz ungleich häufiger ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es gibt viele Möglichkeiten, dem Leben mittels der Kunst zu entfliehen. Der Tango ist gewiss eine davon. Zunächst, und das ist kein Einspruch, nur ein Hinweis: Tango, das ist vieles, vieles Unsagbare. Aber eines vor allem ist der Tango immer gewesen: der (getanzte) Einspruch des Subjektes gegen die Welt. Und sei dieser Einspruch noch so prekär, noch so ordinär. Für...
Puccini muss erst einmal warten. Denn um ihn ging es bei der Premiere des «Trittico» an der Deutschen Oper Berlin zunächst gar nicht. Im Vordergrund stand das gesellschaftliche Ereignis: So viel Prominenz aus Politik und Kultur findet sich in der Oper nur selten ein. Sogar der Bundespräsident hatte sich die Ehre gegeben. Es ging nicht zuletzt um die Frage, ob die...
In den Tagen der Uraufführung von Aulis Sallinens Oper «Kullervo» 1992 brannten in Los Angeles, wo die finnische Nationaloper zu Gast war, die Straßen: Unter Jugendlichen brach sich die aufgestaute Frustration in Zerstörungen Bahn. Das Produktionsteam empfand damals diese Ereignisse wie einen Fingerzeig auf die Aktualität des neuen Stücks.
Sallinens Oper basiert auf...
