Ohne Götter wäre die Welt besser
Die feierliche Einleitungs-Sinfonia und die prachtvolle Schluss-Chaconne sind echte Ohrwürmer. Aber auch darüber hinaus hat Domenico Bellis «Orfeo dolente» (1615) dem Opernfreund einiges zu bieten. Der Florentiner «compositore di camera» scheint dem Mantuaner und Neu-Venezianer Monteverdi nämlich mit seinem «Gegen-Orfeo» den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Bellis 35-minütiger «Orfeo» ist zwar «nur» eine Ansammlung von fünf Intermedien, die anlässlich der Karnevalsfeierlichkeiten im Uffizien-Palast zwischen die Akte von Torquato Tassos Schäferspiel «Aminta» eingeschoben wurden.
Spielt man sie aber, wie Vincent Dumestre und sein Ensemble Le Poème Harmonique, hintereinander (was der Untertitel «Favoletta» rechtfertigt), so zeichnet sich eine Oper ab, die sich mit jeder Note und jedem Vers auf Monteverdi/Striggios Favola «Orfeo» zu beziehen und sie pessimistisch übertrumpfen zu wollen scheint: Ausgangspunkt ist nicht der erste Tod der Euridice, sondern ihr zweiter. Die Musik hat ihre Macht verloren, Pluto bleibt diesmal hart, Proserpinas unirdisch-chromatische Fürsprache versagt, statt Vater Apoll tritt Mutter Calliope auf, nicht um ihren Sohn unsterblich zu machen, sondern um ihn zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn es um Bühnenwerke von Jake Heggie geht, ist es müßig, à la «Capriccio» über die Frage nach dem rechten Verhältnis von Musik und Sprache («prima la musica, poi le parole») zu debattieren. Seit der in San Francisco lebende Komponist Noten setzt, hat er vor allem Texte vertont – zunächst schrieb er Songs, dann Opern («Dead Man Walking») und «musical scenes». Die...
Als Konsumgut, das dem Publikum durch Momente etwas wert sei, die der Sache gar nicht wesentlich wären, werde es zu einem anderen als es selbst, hatte Adorno vor mehr als vierzig Jahren über das Phänomen Oper formuliert. Auf trivialer Ebene entspricht diesem Statement ein Cartoon, der 2005 anlässlich des Hype um Anna Netrebko bei der «Traviata» in Salzburg in einer...
Die Theaterklause in Brandenburg an der Havel ist ein behaglicher Ort. Alles leuchtet in warmen Farben, an den Fenstern hängen rote Vorhänge, die Wand hinterm Tresen ist holzverkleidet. Doch der Blick des Theaterintendanten passt eher zu den traurigen Temperaturen vor der Tür. Kein Wunder, gleich beginnt die Uraufführung der Oper «Kleist». Es wird die letzte an...
