Wahrhaft mörderisch

Woolf: A Feast in the Time of Plague
WEST HORSLEY | GRANGE PARK OPERA

Der uralte Obsthain ist abgesperrt, der Garten ums Theater überwuchert. Dass man hierher nicht durch die Formschnittanlagen des Herrenhauses geleitet wird, sondern durch von Bauarbeiten verwüstete Brachen, sagt einiges. Dass hier überhaupt etwas stattfindet, aber auch. Festivalchefin Wasfi Kani war eine der ersten, die auf den britischen Inseln wieder etwas wagte, mit Grange Park Operas «Found Season» für den Stream.

Dazu gehört auch die aktuelle Uraufführung: David Pountney hat ein Zeitstück zur aktuellen Plage geschrieben, in der Tradition des «Decamerone» und auf Basis von Puschkins Versdrama «Ein Gelage in Zeiten der Pest». Puschkin seinerseits überschrieb dafür übrigens einen John-Wilson-Text, 1830, als die Cholera wütete. Zum Genius loci des exzentrischen kleinen Ziegelzylinders – der Fanfarenbalkon verweist auf Bayreuth, die Ränge gemahnen an die Scala – passt ein Palimpsest perfekt.

Das Virus in Pountneys Stück ist wahrhaft mörderisch, und die meisten der zwölf Figuren, die sich hier nach und nach um eine lange Tafel versammeln, wissen das. Elena hat keine Lust mehr wegzulaufen, hält an einem Landgasthof und lässt üppig auftragen. Als Butler betätigt sich Frederic, ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Wiebke Roloff Halsey

Weitere Beiträge
Sing mir das Lied vom Tod

Versucht haben es viele. Doch nur eine Dichterin vermochte es, das «Phänomen» in betörende Worte zu kleiden; kaum zufällig ebenfalls eine viel zu früh Verglühte. In ihrer «Hommage à Maria Callas» beschreibt Ingeborg Bachmann die Diva assoluta als eine Künstlerin, die kontinuierlich über sich selbst hinausging und dabei immer auch das Gegenteil von dem war, was sie...

Magie des Theaters

Irgendwann einmal wird man hoffentlich nicht mehr erzählen, wie eine Operninszenierung mit den herrschenden Hygieneregeln umgeht. Aber noch ist es interessant zu sehen, dass es kluge Lösungen gibt, die nichts von einem Behelf haben, die in sich sinnstiftend sind. Fällt es noch relativ leicht, die Solisten auf Abstand zueinander auf der Bühne zu halten, so bleiben...

Wachgeküsst

«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George...