O und E und der Gau
Im StaatenHaus, der Ausweichspielstätte der Kölner Oper, sieht es aus wie in einem Atommüll-Lager. Die Ausstatterin Patricia Talacko nutzt die Nähe zwischen Publikum und Kunst und bettet das Zuschauerpodest zwischen weiße Plastiksäcke. Noch nie wirkte Weiß so giftig. Mit gespitzten Ohren ist zu erahnen, dass das nervige Gemurmel im Hintergrund aus Lautsprechern kommt. Die INES-Skala wird verlesen: Jene Skala, nach der Störfälle in Kernkraftwerken gemessen werden und nach der auch diese Oper benannt ist. Es geht um die höchste Zahl der Skala: 7.
Es geht aber auch um O und E, die aktualisierten Versionen von Orpheus und Eurydike. Es geht um Liebe, Trauer und Verlust und darum, eine alte Erzählung zu nutzen, um für das mittlerweile zur Hülse gewordene Wort «Katastrophe» eine neue Bedeutung zu finden: wenn Fotos von Schatten (das ist alles, was die Atombombe von Menschen in Hiro -shima hinterlassen hat) oder von gespenstischen Landschaften in der «Dark Tourism»-Hochburg Tschernobyl im überreizten Gegenwartsmenschen kaum mehr auslösen als ein bisschen Schauer.
Das fragmentarisch angelegte, sprachlich mitunter recht trockene Libretto der Regisseurin Katharina Schmitt benutzt der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2024
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Anna Chernomordik
Es ist nicht anzunehmen, dass Werner Egk Kenntnis vom fulminanten literarischen Debüt «The Recognitions» von William Gaddis besaß. Die deutsche Übertragung dieses megalomanen, 1955 erschienenen Romans, der anhand der Geschichte des genialisch veranlagten Kunstfälschers Wyatt Gwyon in süffig-süffisanter Brillanz mit der bigot -ten US-Gesellschaft der McCarthy-Ära...
Hoher Besuch sorgt stets für Aufregung. Wobei die Spekulationen darüber, was dem Gast gefallen könnte, zu einem steilen Crescendo anschwellen können. Aus der historischen Tatsache, dass sich Kaiserin Maria Theresia 1750 in Graz ankündigte, dann aber doch nur durchreiste, machte das Grazer «Styriarte»-Festival nun einen als «Rokoko-Soap» angekündigten Doppelabend,...
Die Liebe hat viele tausend Farben – das gilt auch für Carl Heinrich Grauns Musik zur Oper «Adriano in Siria». Der Hofkapellmeister Friedrichs II. vertonte ein Libretto von Pietro Metastasio wie Dutzende vor und nach ihm. Rund 70 Versionen des Stoffes sind überliefert, die bekanntesten stammen von Johann Adolph Hasse und Giuseppe Scarlatti. Graun schwelgt in...
