O Sterne, o Götter!
Will man es eine göttliche Fügung nennen? Einen lockeren Wink Fortunas? Oder schlicht klandestine (katholische) Koinzidenz? Wie auch immer: Erstaunlich ist es schon, dass sich just zu dem Moment, da in der Ewigen Stadt weiße Rauchschwaden zum Himmel emporsteigen und damit die Wahl des neuen, aus den USA stammenden Papstes Leo XIV. annoncieren, knapp 1730 Kilometer nordöstlich, in Warschaus Opera Kameralna, der Vorhang hebt für die Festival-Premiere von Mozarts Huldigungs-Seria «La clemenza di Tito». Wobei die Sache mit dem Vorhang ein wenig geflunkert ist.
Das schmucke Theaterchen, das gerade mal für rund 160 Menschen Platz bietet, besitzt einen solchen Vorhang gar nicht. Und vermutlich hat sich Anna Sroka-Hryń, die mit dieser Regiearbeit ihr Debüt in der Oper gibt, gedacht, dass man den Umstand durchaus nutzen könnte: Also sehen wir auf der Bühne, noch bevor, wie schon in Mozarts «Così», eine gefahrvolle Reise von C-Dur nach C-Dur beginnt, sechs in schlammfarbene Kostüme gewandete Tänzerinnen und Tänzer (in Analogie zu den sechs Protagonisten von «La clemenza») – die Furien wohl sind’s, die den gesamten Abend über immer wieder bedrohlich um den Titelhelden herumkreisen. Der sitzt ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 32
von Jürgen Otten
Als ich Giselher Klebe im März 2006 in Detmold zu einem Gespräch traf, galt meine letzte Frage der Zukunft der Oper als komponierter Form, wie er sie betrieben hat. Seine Antwort war niederschmetternd: «Es besteht die Gefahr, dass sie keine Zukunft hat.» Aufgeführt wurden seine Bühnenwerke schon damals kaum mehr, und diskographisch war es um ihn seit jeher schlecht...
György Kurtág, der Grand Old Man der Moderne, der im kommenden Februar seinen 100. Geburtstag feiern wird, hat in seinen Vokalwerken stets zu Texten gegriffen, die sich eigentlich jeder Musik entziehen – Becketts Schauspiel «Fin de partie», Fragmente aus Kafkas Prosa, Lyrik des späten Hölderlin oder Aphorismen aus Lichtenbergs «Sudelbüchern». Umso irritierender, so...
In der Vorstellungskraft dieses Mannes scheint nichts unmöglich: Ein Haus errichten und eine Familie gründen will Peer Gynt mit einer Braut, die er eben von der Hochzeit weggestohlen hat (als sie sich ihm nicht willig zeigt, wandelt sich Zuneigung innerhalb eines Wimpernschlags in Hass, die Begehrte wird als «Hure» abgestoßen, als wäre zuvor nichts geschehen)....
