Nur die Musik glüht
Wie Schillers Schauspiel ist auch Verdis «Don Carlos» ein Liebes- und Familiendrama in den Dimensionen einer politischen Tragödie. Christof Hetzers Bühne für die Stuttgarter Neuinszenierung zeigt einen leeren, nach allen drei Seiten abgeschlossenen Raum, den der Lichtgestalter Alex Brok oft in ein diffus glimmendes Dunkel hüllt. Dominiert und strukturiert wird er durch eine hohe, schwarze, sich immer wieder nach vorne schiebende Wand, die das Öffentliche vom Privaten trennt.
Eine glänzende Idee, die allerdings nicht aufgeht, weil Regisseurin Lotte de Beer die Dramaturgie von Verdis pessimistischstem Werk umdreht. Agieren bei Verdi alle Personen zwar im Bezugsrahmen der Politik, aber aus privaten, emotionalen Gründen, so schrumpfen sie hier zu Schachfiguren einer in einem Fantasie-Spanien der nahen Zukunft angesiedelten religiösen Diktatur. Das verkleinert sie und nimmt ihnen die tragische Fallhöhe.
Carlos ist ein zuckender, schizophrener Autist, der Psychopharmaka schluckt; Posa ein smarter, revolutionäre Sprüche klopfender Narzisst, der sich schnell vom Establishment korrumpieren lässt; König Philipp eine Marionette in den Händen des zynischen Großinquisitors – seine ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Uwe Schweikert
Ich treffe Ray Corish vor dem Touristenbüro am schmuck renovierten Kai von Wexford – im Rücken das Denkmal für John Barry, den aus Wexford stammenden «Vater der amerikanischen Marine», vor uns einige Muschelfangschiffe, die im kleinen Hafen des irischen Seestädtchens mit 20 000 Einwohnern ankern. Ray, ein ehemaliger Immobilienmakler, hat viel zu erzählen über...
Durchs Haus heult der Wind, es klappert und knackt, fernes Maschinengrummeln ertönt, die Glocken rufen zur Andacht. Eine solche Klangkulisse kreiert der italienische Komponist Francesco Filidei für sein neues, an der Opéra Comique in Paris uraufgeführtes Musiktheater «L’Inondation». Das Libretto Joël Pommerats, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet,...
Als «tragisch-satirische Oper» hat Schostakowitsch «Lady Macbeth von Mzensk» bezeichnet. Für die kaltblütige Mörderin bekannte er sogar «Sympathie», während er bestrebt gewesen sei, den sie «umgebenden Lebensverhältnissen einen finster-satirischen Charakter zu verleihen» – eine Selbstexplikation, die nicht dadurch ins Recht gesetzt wird, dass Stalin die musikalisch...
