Konvention und Anarchie

Wolfgang Rathert und Berndt Ostendorf fächern so vielstimmig wie detailscharf die Musikgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika auf

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Das Verhältnis zwischen Alter und Neuer Welt ist von jeher gespannt und gespalten, zwischen Faszination und Abwehr, Verklärung und Verteufelung: eine Polarität, die sich seit Donald Trump noch dramatisch verschärft hat. «Seine» USA sind für viele vollends zum globalen Feindbild geworden. Aber selbst die Kultur ist von Schizophrenien geprägt. So dichtete Goethe: «Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, das alte, / Hast keine verfallene Schlösser / Und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern, / Zu lebendiger Zeit, / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit».

Aber in einer älteren, gewiss nicht vollständigen Ausgabe fehlen genau diese Verse. Dem deutschen Bildungsbürger mochte die Hymne auf das «geschichts- und kulturlose» Amerika nicht munden. Noch bis in die 1960er-Jahre waren die «Amis» synonym mit Kaugummi, Coca-Cola, Wildwest-Film und Jazz, für einen schwäbischen Pastor nur «Mohrenlärm» – für Kunstsinnige ein Graus. Dabei lagen utopisches Leuchten und Abendland-Apokalypse eng beieinander; und dies sogar «links» wie «rechts»: Wo die einen aufs Reich der Freiheit setzten, sahen die anderen einzig die Hölle des Kapitalismus. Brecht-Weills «Mahagonny» lieferte die ...

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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Gerhard R. Koch

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