Konvention und Anarchie
Das Verhältnis zwischen Alter und Neuer Welt ist von jeher gespannt und gespalten, zwischen Faszination und Abwehr, Verklärung und Verteufelung: eine Polarität, die sich seit Donald Trump noch dramatisch verschärft hat. «Seine» USA sind für viele vollends zum globalen Feindbild geworden. Aber selbst die Kultur ist von Schizophrenien geprägt. So dichtete Goethe: «Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, das alte, / Hast keine verfallene Schlösser / Und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern, / Zu lebendiger Zeit, / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit».
Aber in einer älteren, gewiss nicht vollständigen Ausgabe fehlen genau diese Verse. Dem deutschen Bildungsbürger mochte die Hymne auf das «geschichts- und kulturlose» Amerika nicht munden. Noch bis in die 1960er-Jahre waren die «Amis» synonym mit Kaugummi, Coca-Cola, Wildwest-Film und Jazz, für einen schwäbischen Pastor nur «Mohrenlärm» – für Kunstsinnige ein Graus. Dabei lagen utopisches Leuchten und Abendland-Apokalypse eng beieinander; und dies sogar «links» wie «rechts»: Wo die einen aufs Reich der Freiheit setzten, sahen die anderen einzig die Hölle des Kapitalismus. Brecht-Weills «Mahagonny» lieferte die ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Gerhard R. Koch
Arme Effi. Wie Theodor Fontane das Schicksal des Mädchens aus dem Havelland in seinem perfekt temperierten Roman beschreibt, geht noch immer unter die Haut. Die ins Korsett erstarrter Gesellschaftsregeln gezwängte Lebensfreude. Das naiv-provinzielle Aufsteigersehnen nach einem Leben in der Berliner Noblesse. Die innere Vereinsamung unter dem Regiment eines Gatten,...
Das höchste Ziel eines Schriftstellers habe es zu sein, die Welt in Sprache zu verwandeln, ihren krummen Pfaden zu folgen und zu sehen, was Sprache mit Erfahrung macht. So Peter Handke. Man könnte dies in erweitertem Sinne – ersetzt man «Sprache» durch «Musik», oder noch besser: verbindet man beides – auch auf Marlis Petersen und ihr Triptychon «Dimensionen»...
Einer der herrlichsten Einstiege des Theaters findet sich in George Taboris schwarzhumorigen «Goldberg-Variationen». Auf einer schwarzen Leinwand erscheint in weißer Leuchtschrift der Satz «Gott ist tot. (Nietzsche)». Kurz darauf erlischt die Schrift. Pause, Dunkel. Dann erneut ein Satz, diesmal unterzeichnet vom Ausgelöschten höchstselbst: «Nietzsche ist tot.»...
