Nummernrevue
Es sieht ganz so aus, als ob Unsuk Chins «Alice» zu den wenigen zeitgenössischen Opern gehört, denen nach der ersten Aufführungsserie ein Weiterleben vergönnt ist: Drei Jahre nach der Uraufführung an der bayerischen Staatsoper wagt sich jetzt Genfs Grand Théâtre an das Stück, 2011 will Bielefeld folgen. Verdient hat «Alice» das allemal: In seiner spielerischen Doppelbödigkeit passt der Lewis-Carroll-Stoff ideal zu Chins Musik, die unter ihrer feingewobenen, luxurierenden Oberfläche ebenfalls eine verstörende Tiefenschicht verbirgt.
Etwas Unnennbares, das in fragenden Kantilenen Alices für Augenblicke ganz direkt spürbar wird, aber meist subkutan wirkt. Es ist bei aller Quirligkeit eben nicht bloß ulkig, was in Wonderland so vor sich geht. Weit mehr ist «Alice» ein Stück über das Gefühl der Fremdheit gegenüber anderen sowie sich selbst. Vom hektischen weißen Kaninchen über die laszive Duchess bis zur aufgeblasenen Herzkönigin haben fast alle Figuren in ihrer Maskenhaftigkeit auch einen unheimlichen Zug – bis zu den rätselhaften Veränderungen, die die pubertierende Alice am eigenen Körper spürt: Sie sind bei Chin (viel mehr noch als bei Carroll) Chiffre einer ganz grundsätzlichen ...
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