Auf der Überholspur

Publikumsliebling Robert Meyer hat an der Wiener Volksoper Erfolg: Zum Saison-Finale gibt es Mozarts «Entführung» – mit makabrem Schluss

C-Dur gilt als die Neutrale zwischen den Tonartenkreisen, als jene Skala, die keine bestimmte emotionelle Haltung einnimmt, sondern eher äußerlichen Glanz verkündet. Bei Mozart wirkt sie oft auch wie die Decke, die beschönigend über häusliche Unordnung geworfen wird, wenn Besuch kommt. Etwa im Finale von «Così fan tutte», da die verstörten Paare sich mühen, den Status quo zumindest nach außen hin wieder herzustellen. Oder am Schluss von «Die Entführung aus dem Serail», beim Chor zum Lob des Bassa, der eine emotionell ungelöste Situation übertüncht.



Sascha Goetzel, Dirigent der Neuproduktion an der Wiener Volksoper, nimmt diese Nummer (mit den im Graben platzierten Chormitgliedern) bewusst hart und grell, während Regisseurin Helen Malkowsky die Schraube noch um eine Windung weiterdreht und für eine überraschende Schlusswendung sorgt: Osmin, der zwar das «Wer so viel Huld vergessen kann» mitgesungen, dann aber auf seinem «Erst geköpft, dann gehangen» bestanden hatte, wirft dem Bassa die blutigen Kleider der hingerichteten Europäer vor die Füße.

Was will uns diese makabre Pointe sagen? Dass man dem Wort eines Orientalen niemals trauen darf, vor allem, wenn dieser seine Ehre zu wahren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2010
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Lieb’, Leid – und Freud

Sigmund Freud scheint zur Zeit in Österreich die Rolle des Igels (im bekannten Wettlauf mit dem Hasen) innezuhaben: Wo immer man hinkommt, ist er schon da. Während Claus Guth seine «Tannhäuser»-Exegese an der Wiener Staatsoper in Freud’schen Gefilden ansiedelt, tritt der Psychoanalytiker in der Grazer Produktion von Bellinis «Sonnambula» unter dem Pseudonym Conte...

Goethe, Fellini, Goya

In der zu seinen Lebzeiten niemals szenisch erprobten «Damnation de Faust» komprimierte Berlioz die Handlung von Goethes «Faust I» zum schwarz-romantischen Horrorspektakel. Harry Kupfer setzte in seiner Frankfurter Neuinszenierung noch eins drauf und arrangierte die Szenencollage als Abfolge grotesker theatralischer Monstrositäten. Kupfer griff dabei tief in den...

Alles fließt

Mal ehrlich: Wer hätte das gedacht? Dass es klappt. Dass man es wirklich ernst nehmen kann. Dass man eingeschliffene Hörerwartungen und Klangperspektiven gern korrigiert? Cecilia Bartoli singt Norma – die ganze Partie (die Arie hatte sie schon vorher aufgenommen). Ein Wagnis. Als die Römerin vor zwanzig Jahren ihre Karriere startete, hätte das niemand vorhersagen...