Nürnberg alaaf!
Endlich bekommt man die Beckmesser-Harfe einmal zu Gesicht! Dieses wie auf dürren Vogelbeinen stehende Zwerginstrument, das Richard Wagner erfand (oder erfinden ließ), um den gewünschten Fake-Klang für die Laute des Merkers zu erreichen: ein wenig kläglich, aber doch so, dass die Töne gut zu hören sind in einem großen Opernhaus. In Bonn bringt Beckmesser die Harfe gleich mit zum Ständchen samt Harfenistin in Röckchen und Schleifchen. Mit säuerlicher Miene erledigt sie den Job, rächt sich aber geschäftstüchtig.
Ein ums andere Mal hält sie die Hand auf, die emotionale Notlage des Merkers gnadenlos ausnutzend, und setzt das Spiel nicht eher fort, bis sie wieder einige Scheinchen reicher ist.
Beckmesser, im eleganten, für die späte Uhrzeit schön unpassenden morning coat, muss abdrücken und sieht sich nun den ausufernden Präludien der Künstlerin ausgesetzt. Zwei Lehrbuben – der eine hat den Kopf meist hinter einem Reclam-Heft, der andere zwischen Kopfhörern – gehen Beckmesser wie der mürrischen Harfenistin ordentlich auf den Nerv. Wie die Gehilfen des Landvermessers in Kafkas «Schloss»-Roman kommen sie gleichsam zum Fenster wieder herein, wenn sie durch die Türe hinauskomplimentiert ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Clemens Haustein
Jeanine Tesori hat einige der originellsten und bewegendsten Bühnenwerke der jüngeren Broadway-Geschichte geschaffen, darunter «Caroline, or Change» (2004, gemeinsam mit dem Drehbuchautoren und Schriftsteller Tony Kushner), «Fun Home» (2011) und «Kimberly Akimbo» (2021). Ausgebildet und geübt sowohl in klassischem als auch populärem Stil und Repertoire, hat Tesori...
Die Frage ist nicht neu, aber von zeitloser Dringlichkeit: «Wer sind wir, was ist unser Zweck, und was bleibt von uns nach unserem Tod?» Huw Montague Rendall zögert nicht lange und liefert im Booklet seines Albums mit dem schönen Titel «Contemplation» gleich die demütige Antwort mit: «Wir sind nichts als Sternenstaub. Wesen kosmischen Ursprungs, schwebend in der...
Das Bild ist unvergessen: Frühherbst 2005, Bundestagswahl, die berühmt-berüchtigte Elefantenrunde. Der strahlenden Siegerin Angela Merkel gegenüber sitzt jener Mann, der, vermutlich weil er seine Niederlage nicht so recht verwinden vermag, augenscheinlich schon einige Gläser Gerstensaft intus hat. Gerhard Schröder, an diesem Abend als Bundeskanzler abgewählt, lässt...
