Nürnberg alaaf!
Endlich bekommt man die Beckmesser-Harfe einmal zu Gesicht! Dieses wie auf dürren Vogelbeinen stehende Zwerginstrument, das Richard Wagner erfand (oder erfinden ließ), um den gewünschten Fake-Klang für die Laute des Merkers zu erreichen: ein wenig kläglich, aber doch so, dass die Töne gut zu hören sind in einem großen Opernhaus. In Bonn bringt Beckmesser die Harfe gleich mit zum Ständchen samt Harfenistin in Röckchen und Schleifchen. Mit säuerlicher Miene erledigt sie den Job, rächt sich aber geschäftstüchtig.
Ein ums andere Mal hält sie die Hand auf, die emotionale Notlage des Merkers gnadenlos ausnutzend, und setzt das Spiel nicht eher fort, bis sie wieder einige Scheinchen reicher ist.
Beckmesser, im eleganten, für die späte Uhrzeit schön unpassenden morning coat, muss abdrücken und sieht sich nun den ausufernden Präludien der Künstlerin ausgesetzt. Zwei Lehrbuben – der eine hat den Kopf meist hinter einem Reclam-Heft, der andere zwischen Kopfhörern – gehen Beckmesser wie der mürrischen Harfenistin ordentlich auf den Nerv. Wie die Gehilfen des Landvermessers in Kafkas «Schloss»-Roman kommen sie gleichsam zum Fenster wieder herein, wenn sie durch die Türe hinauskomplimentiert ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Clemens Haustein
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