Noblesse oblige
1990 war Alfredo Kraus 63 Jahre alt und klang noch immer frisch wie ein Jüngling. Doch für einen der «Drei von Caracalla» wäre er niemals eingewechselt worden – das Anbiedernd-Auftrumpfende war nie das Seine, Farben, Stimmung, Ausdruck kamen allein aus der souveränen Beherrschung der Gesangstechnik im Sinne des Belcanto. Dabei suggerierten beispielsweise die berühmten neun hohen C’s in Tonios «Pour mon âme» auch bei ihm durchaus eine athletische Höchstleistung.
Doch servierte er sie nie als sportlichen Rekordversuch, sondern mit der für ihn typischen, beinahe spielerischen Selbstverständlichkeit. Es gab freilich auch jene, die Kraus’ elegante Stili -sierung zu distanziert fanden, seine Tonemission allzu konzentriert. Die das für ihn so typische Timbre als zu hell, gar «uncharmant» empfanden und sich mehr samtene Fülle, mehr «Honig» in der Stimme gewünscht hätten. Doch war dies etwa gegenüber der Geschmeidigkeit und Noblesse seines Singens, der Makellosigkeit seiner Phrasierungen eine Petitesse.
Nur zögerlich nahm indes der Schallplattenmarkt Notiz von der außerordentlichen Begabung des Tenors aus Las Palmas mit österreichischem Vater und spanischer Mutter. Mitschuld daran trug ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 28
von Gerhard Persché
Frau Mijnssen, von dem ungarisch-jüdischen Schriftsteller Imre Kertész stammt die bemerkenswerte Sentenz, nur Kunst, die Wunden weitergibt, sei etwas wert. Was denken Sie, hat Kertész recht?
Das ist ein richtig schöner Satz, großartig. Er berührt mich sehr, nicht zuletzt auch, weil Kertész damit wunderbar zum Ausdruck bringt, was ich in jeder meiner...
Für Alban-Berg-Süchtige ist der typografisch ansprechend gestaltete Band im Kunstkatalogformat eine Fundgrube. Man kann diesem Komponisten, dem als Einzigem das Kunststück gelang, die Rechenexempel der Dodekaphonie mit der todessüchtigen Dekadenz der Spätromantik zu versöhnen, in allen Lebenslagen folgen – vom Kinderbild des Zweijährigen bis zur letzten Fotografie...
Diva, Mythos, Skandalfigur oder vielleicht doch ein Opfer der Umstände? Wer sich mit Maria Callas beschäftigt, kann sich aussuchen, welchen Zugang er sich in der inzwischen schon kaum mehr übersehbaren Literatur wählt. Eva Gesine Baur, ihre letzte deutsche Biografin (siehe OW 8/2023), hielt es mit dem voyeuristischen Blick durchs Schlüsselloch und kehrte einmal...
