Auf der Suche nach Schönheit

Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, später dann Theaterautorin. Heute zählt Jetske Mihnssen zu der Gruppe renommierter Regisseurinnen und Regisseure, deren Arbeiten sich in erster Linie durch psychologische Präzision auszeichnen. Ein Gespräch über Menschen- und Liebeskonzepte, Seelenwanderungen, Vertrauensvorschuss und die Vorteile der Waldorfschule

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Frau Mijnssen, von dem ungarisch-jüdischen Schriftsteller Imre Kertész stammt die bemerkenswerte Sentenz, nur Kunst, die Wunden weitergibt, sei etwas wert. Was denken Sie, hat Kertész recht?
Das ist ein richtig schöner Satz, großartig. Er berührt mich sehr, nicht zuletzt auch, weil Kertész damit wunderbar zum Ausdruck bringt, was ich in jeder meiner Operninszenierungen versuche zu realisieren. Ohnehin glaube ich, dass Oper von archetypischen Wunden erzählt.

Das heißt, Sie interessieren sich vor allem für den verwundeten Menschen?
Mich interessiert in erster Linie die condition humaine, also das, was unsere Unfähigkeit beschreibt – das Verlangen eines jeden von uns, das Gute und Richtige zu tun, was ja leider so oft schiefgeht; ich glaube, dieses Schiefgehen entsteht aus der Verwundung. Wir alle bestehen aus unseren Verletzungen; denken Sie an eine Figur wie Elisabetta in Donizettis «Maria Stuarda». Die Ursachen für ihr Verhalten liegen in ihrer Kindheit, dort liegt der Schlüssel zu ihrem Handeln. Und das macht Opernfiguren für mich interessant: dass ich auf Spurensuche gehen kann nach ihren frühkindlichen Verletzungen und daraus eine Figur forme, die alle Facetten ihres Charakters ...

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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Interview, Seite 50
von Jürgen Otten

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