Nichts ist so grotesk wie die Realität

Phantasievoll, aber vorsichtig: Das Theater Magdeburg zeigt Schnittkes Skandalstück «Leben mit einem Idioten»

Opernwelt - Logo

Der Teufel turtelt mit einer Nonne. Ein Gartenzwerg, der seine Angel in den Orchestergraben hält, schaut halb neidisch, halb entrüstet zu, wie der Behörnte im feuerroten Wams der Ordensfrau ein ums andere Mal ins Weiche greift. Von bizarrem Humor ist das, in der Darstellung nahezu possierlich, eine Altersempfehlung erst ab 16 Jahren (der «Tannhäuser» läuft in Magdeburg ab 14, Rossinis «Barbier» ab 10 Jahre), müsste deshalb aber noch nicht gleich ausgesprochen sein.

In Alfred Schnittkes «Leben mit einem Idioten» ist viel von Fäkalien die Rede und wohin man sie platzieren kann: auf den Teppich, in den Kühlschrank, an die Wand geschmiert. Oft wird auch das recht derbe Wort «vögeln» verwendet, gerne in mehr -facher Wiederholung: «vögeln, vögeln, vögeln»; ein Mann – der «Idiot», der hier alles in Unordnung bringt – vergewaltigt eine Frau, später bringt er sie mit einer Baumschere um die Ecke. Sieht man von der Frau ab, die plötzlich in einem blutverschmierten Kleid dasitzt, ist von all den Unappetitlichkeiten, die sich Viktor Jerofejew, der Autor der Novelle «Leben mit einem Idioten» und Librettist der gleichnamigen Oper, ausgedacht hat, in Magdeburg aber nichts zu sehen. Dafür sollte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
Im Panoptikum

Jeder Takt überraschend. Keine Spur von Kitsch.» So urteilte Anton von Webern im Gedankenaustausch mit Arnold Schönberg über «La fanciulla del West». Puccini selbst wollte sich mit dieser Oper tatsächlich neu erfinden. Er war davon überzeugt, dass es eine zweite «Bohème» werden würde, nur «stärker, kühner und umfassender». Die New Yorker Met brachte das Stück 1910...

Traurige Tropen

Die Botschaft ist eindeutig: «Beautiful, beautiful, beautiful!», singen sechs elegant gekleidete Herren mit Fliege und Hosenträger. Wie die Geier umkreisen sie eine Frau, die an einem grell beleuchteten Schminktisch sitzt und weint. Ihr ikonisches Konterfei? Die platinblonde, in voluminösen Wellen gestylte Bobfrisur und ein knallroter Kussmund lassen keine Zweifel...

Zwischen Himmel und Erde

Das war zu erwarten: Trump und Musk als Opernbösewichte, ihre Machenschaften als Parabeln für Machtmissbrauch und Verführung der Massen. Bei Aristophanes heißen sie Peis -thetairos und Euelpides, Braunfels hat sie philologisch korrekt in Ratefreund und Hoffegut umbenannt, aber sonst wenig Ehrfurcht gezeigt, indem er 1920 die zweieinhalb Jahrtausende alte Komödie in...