Foto: Irs Polyarnaya

Neun Stunden stehen

Die Treibjagd gegen den russischen Regisseur Kirill Serebrennikov hat eine lange Vorgeschichte: Brennstufen einer Eskalation

Ich besuche Kirill Serebrennikov Anfang August in Kronstadt, auf der Petersburg vorgelagerten Ostseeinsel Kotlin. Der Ort ist als Schauplatz des Kronstädter Matrosenaufstands in die Geschichte eingegangen: Im Frühjahr 1921 forderten die Aufständischen unter dem Motto «Alle Macht den Sowjets – Keine Macht der Partei» die Rücknahme der Einparteiendiktatur und eine Demokratisierung Sowjetrusslands. Doch die Revolte wurde von der Roten Armee niedergeschlagen; wem die Flucht nach Finnland nicht gelang, der wurde hingerichtet oder deportiert.

Das Gedächtnis der als «antisowjetische Meuterer» Diffamierten blieb geächtet, erst 1991 wurden die Aufständischen rehabilitiert.

Heute dreht Serebrennikov im ehemaligen Kulturhaus der Baltischen Flotte Szenen seines neuen Films, der das Leben eines Rebellen aus der Spätphase des Sowjetimperiums thematisiert: Victor Zoi (1962-1990). Dem Frontmann der Band «Kino» gelang mit Glasnost und Perestroika der Sprung aus dem Untergrund: Seine sozialkritischen und pazifistischen Songs erreichten ein Massenpublikum. Der frühe Unfalltod des Künstlers ließ ihn vollends zur Legende werden.

Manches deutet darauf hin, dass dem Regisseur Serebrennikov eine ähnlich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2017
Rubrik: Magazin, Seite 100
von Sergio Morabito

Weitere Beiträge
Stimmungswechsel

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Der Abend bleibt trocken, die tiefstehende Sonne taucht Schlosshof und See in surreales Licht, die «Carmen»-Premiere im Heckentheater kann unter freiem Himmel über die Bühne gehen. Trotzdem ist etwas anders. Frank Matthus, Künstlerischer Direktor der Kammeroper, wird 2018 gehen, nach nur vier Spielzeiten. Die Nachricht kam...

Aurorens Schimmer

Libertinage erlaubt: Selbst nach den strengen moralischen Grundsätzen des 18. Jahrhunderts dürfen sich der Diener Falkenstein und Caroline im Haus ihres Vaters, des reichen Kaufmanns Gerbrand, halbnackt zwischen den Teppichen vergnügen, sind sie doch bereits verheiratet. Das Problem ist nur: Außer ihnen weiß das (noch) niemand. Weil die Ehe nicht standesgemäß ist,...

Obertöne und Untertöne

Götz Friedrich war fassungslos. Nein, das könne doch nicht wahr sein. Das sei eine Falschmeldung. Catarina Ligendza habe mit dem Singen aufgehört? So plötzlich? Mitten heraus aus den größten Erfolgen ihrer Laufbahn? Der mächtige Intendant und Regisseur, damals ebenfalls auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, wusste genau, was das bedeutete – für seine «Ring»-Produktion...