Nervenmusik
Sollten die Zuschauer im Teatro San Carlo am 8. Dezember 1849 ihre Konzentration ausnahmsweise auf die Bühne gerichtet haben und nicht nur auf die Garderobe der anwesenden Marquisen, dann muss sie schon die Ouvertüre zur «Luisa Miller» verstört haben. Mit wenigen musikalischen Strichen und der insistierenden Unentrinnbarkeit eines einzigen Themas schafft Giuseppe Verdi hier die Sphäre eines leidenschaftlichen Stürmens und Drängens, womit er den beschleunigten Herzschlag von Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel auf den Punkt bringt.
Nun wird man in einer Wuppertaler Repertoirevorstellung naturgemäß weniger durch kostbare Roben und Brillanten abgelenkt als im Neapel des 19. Jahrhunderts. Doch was schon zur Ouvertüre aus dem Graben dringt, zieht einen subito in den Bann. Julia Jones, die Musikchefin des Hauses, lässt erregt und doch mit chirurgischer Präzision musizieren; obwohl die Streicher mit Verdis Tonkaskaden überfordert sind, liegen die Nerven der Partitur blank, auch in den folgenden drei Akten, in denen eine Unrechtsgesellschaft ihrem Untergang entgegentaumelt. Die Sänger werden mit Schwung und Verstand, aber nie überdreht begleitet: Statt auf permanenten Hochdruck ...
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Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Struck-Schloen
Wer tief in die deutsche Seele blicken will, muss bei Mitternacht in die Wolfsschlucht. Jenes vermeintlich schicksalsschwere c-Moll-Gebiet, dessen Konturen erst sichtbar werden, nachdem sich der fis-Moll-Nebel verzogen hat und Samiel auf den Plan tritt. An diesem schauderhaften Ort samt seiner meteorologischen Unmöglichkeit (zwei Gewitter zucken gleichzeitig aus...
Eine Oper über Karl Marx? Er sei, so Jonathan Dove im Programmheft, augenblicklich fasziniert gewesen, als ihm der Regisseur Jürgen R. Weber ein solches Projekt vorgestellt habe. Flugs steckten beide die Köpfe zusammen und zogen den Librettisten Charles Hart hinzu, um es in die Tat umzusetzen. Eines war den beteiligten Herren klar: Es wäre vermessen, Vita und Werk...
Mitte Dezember, ein Samstagmorgen auf dem Hauptplatz in Biel. Markant das in die Häuserzeile eingebaute Stadttheater, davor herrscht Wochenmarkt. Bunt ist das Angebot, es wird gelacht und geplaudert – man kennt sich eben. Vielleicht wird auch über die Opernpremiere von gestern gesprochen, einen Abend mit zwei Einaktern aus dem späteren 20. Jahrhundert. Vor der...
