Deutschstunde
Wer tief in die deutsche Seele blicken will, muss bei Mitternacht in die Wolfsschlucht. Jenes vermeintlich schicksalsschwere c-Moll-Gebiet, dessen Konturen erst sichtbar werden, nachdem sich der fis-Moll-Nebel verzogen hat und Samiel auf den Plan tritt.
An diesem schauderhaften Ort samt seiner meteorologischen Unmöglichkeit (zwei Gewitter zucken gleichzeitig aus entgegengesetzten Richtungen) zeigt sich inmitten von Eulen, Raben, Adlerflügeln, Gießkelle und Totenköpfen der Hang der Nation zum bleiern beschwerten Aber- und Geisterglauben, ihr Verfangensein in einer durch grimmige Metaphysik erweiterten Romantik, die das Eigene im Grunde nicht (an-)erkennen will und deswegen das Andere verfemt; es offenbart sich das wahre deutsche Wesen, an dem niemand je genesen wird. Der Abgrund menschlicher Verfehlung.
Tatjana Gürbaca weist uns den Weg in diesen Abgrund. Mit der Pointe, dass er schon existiert seit Beginn der Oper und auch kein Ort zum Fürchten ist. Sondern, metaphorisch gesprochen, eine Schule, von Bühnenbildner Klaus Grünberg matt ausgeleuchtet. Vor einem Rundhorizont stehen die Fassaden giebelbedachter Schieferhäuser. Sie sind beschrieben wie Tafeln in einem Klassenzimmer. Aus ...
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Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten
Eine Oper über Karl Marx? Er sei, so Jonathan Dove im Programmheft, augenblicklich fasziniert gewesen, als ihm der Regisseur Jürgen R. Weber ein solches Projekt vorgestellt habe. Flugs steckten beide die Köpfe zusammen und zogen den Librettisten Charles Hart hinzu, um es in die Tat umzusetzen. Eines war den beteiligten Herren klar: Es wäre vermessen, Vita und Werk...
Relativ spät, mit Anfang 40, wendet sich der ungarische Komponist und Dirigent Péter Eötvös intensiv dem Genre Musiktheater zu. Bis zum Ende der 1990er-Jahre entstehen die Opern «Drei Schwestern» und «As I Crossed a Bridge of Dreams»; es folgen im neuen Millennium «Le Balcon», «Angels in America», «Lady Sarashina», «Love and Other Demons», «Die Tragödie des...
Die Welt ist ein Karussell, und immer wieder tanzen die gleichen geisterhaften Schemen vorbei. Ein langes Menschenleben ist vergangen, seitdem das Reichs-Hinkebein «Wollt ihr den totalen Krieg?» krähte und Millionen Schafe «Ja» blökten. Man dachte, solche Szenen seien für immer im Gruselkabinett der Vergangenheit verschwunden, doch acht Jahrzehnte später scheint...
