Verlust und Vergnügen
Händels Oratorium «Saul» hat seit jeher das Zeug zu bühnenwirksamem Musiktheater gehabt. Bei der Uraufführung im Londoner King’s Theatre 1739 konnte das Publikum neben dem Libretto von Charles Jennen auch szenische Anweisungen im Programmheft studieren.
In Glyndebourne entführt Barrie Koskys Inszenierung der alttestamentarischen Fabel um Missgunst und Neid in eine kontrastreiche Welt, die die Licht- und Schattenseiten des georgianischen London drastisch hervorkehrt, indem sie die Lustbarkeiten des Vergnügungsparks Vauxhall Gardens mit dem psychiatrischen Elend von «Bedlam» (dem berüchtigten Bethlem Royal Hospital) konfrontiert – und schonunglos öffentliche Schmach und Demütigung gleich neben der Volksbelustigung anrichtet.
Der Chor der Israeliten, von Ausstatterin Katrin Lea Tag in bunte, punkig-barocke Seidenkostüme gekleidet, erinnert in seinem flatterhaften Gebaren an den Höflingschor, den Kosky in seiner Frankfurter Inszenierung von «Dido und Aeneas» eingesetzt hatte; auch John Graham Hall als Hexe von Endor, ein Bartmann mit den verschrumpelten Brüsten einer alten Frau, lässt an die Bildsprache in Koskys Frankfurter Lesart der Purcell-Oper zurückdenken. Im Schulterschluss mit ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Anna Picard
Niemals stand der Amerikaner Alan Curtis im Verdacht, der temperamentvollste, unberechenbar genialischste Überflieger der Alten Musik zu sein. Er wirkte besonnen, dienstfertig und defensiv. Führt man sich die enorme Zahl seiner Ersteinspielungen von Barockopern vor Augen, die eine Entstehungszeit von knapp einem halben Jahrhundert umspannen, so steht man betroffen...
Rossini hat Olga Peretyatko Glück gebracht. Auftritte beim Festival in Pesaro haben ihrer Karriere seit 2006 jenen Schwung gegeben, der sie an viele große Bühnen der Welt führen sollte. Einige Rossini-Arien hatte die Sängerin schon auf ihrem vor vier Jahren erschienenen Debütalbum «La bellezza del canto» gesungen, das jüngste Album ist nun ganz der Musik dieses...
Sehnsucht nach neuem Musiktheater – das ist in Moskau nichts Neues. Doch auf eine so produktive Spielzeit wie die letzte hat die Stadt lange warten müssen. Jetzt wurden die hochgespannten Erwartungen sogar übertroffen. Zumal die Uraufführungen wirkten wie Kampfansagen der zeitgenössischen Oper an die verhängnisvolle politische Entwicklung Russlands: eines Staates,...
