Nächtlicher Engelsgesang
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen selbst vorfindet. Und genau so ist es, wenn man diese außergewöhnliche Sängerin, ob auf der Bühne oder auf einem ihrer Alben, erlebt. Sie entzieht sich der Konkretion und auch der Gewissheit. Dabei ist sie immer die gleiche.
Und doch so viele.
Eines ist Tora Augestad, die Frau mit dem klandestinen Charisma, aber in jedem Fall: eine begnadete Performerin. Stimme, Körper und Geist bilden bei ihr eine Einheit, deren Ausstrahlung man sich selbst dann kaum entziehen kann, wenn sie ein Stück interpretiert, dessen Glanz sich in Grenzen hält. Wie zum Beispiel «As If The Law Is Everything» ihres Landsmannes Henrik Hellstenius. Allein der zugrundeliegende Text von Øyvind Rimbereid ist über weite Strecken eher ambitioniert als philosophisch fundiert. Mit Augestads vibrierend sinnlicher Jazz-Stimme aber wächst dieses musikdramatische ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Jürgen Otten
Über Auschwitz schreiben? Eigentlich erscheint dies, und das beileibe nicht nur Adornos vielbemühten (und vieldeutigen) Verdikts wegen, als ein Ding der Unmöglichkeit. Wie soll oder kann man ein Grauen in Worte fassen, das bis heute sprachlos macht? Und darf man dieses sprachlos Machende überhaupt in ästhetische Formen gießen? Liest man die romanhaften Reflexionen...
Nordrhein-Westfalen besichtigt in diesen Monaten «Herzog Blaubarts Burg» erstaunlich oft. Am Theater Hagen war Béla Bartóks Psycho-Kurzoper aus dem Jahr 1911 unlängst in einer fantastisch schlüssigen, unter die Haut gehenden Inszenierung von Francis Hüsers zu sehen (siehe OW 3/2022). Im Herbst 2021 kam das Stück in Düsseldorf auf die Bühne (Regie: Demis Volpi) –...
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer...
