Gut, besser, Principessa
Giacomo Puccinis wunderschöne – legendär kurze, momenthaft sich verflüchtigende und dabei monumental wirkungsmächtige – Arien haben selten ein «richtiges» Ende. Puccini hat seinen Wagner studiert, nicht nur, was das Durchkomponieren angeht. Und so fällt der stürmische Applaus für Angelos Samartzis’ «Nessun dorma» zu Beginn des dritten «Turandot»-Akts direkt in die nächste Szene der Minister Ping, Pang und Pong hinein. Man glaubt sich in Italien. So viel Emotion! Doch wir sind in Saarbrücken, im Saarländischen Staatstheater. Und auch in Aachen wird gefeiert.
So viel (vermeintliche) Provinz war selten (so begeistert).
Prinzessin Turandots einstige (unbescholtene, verehrte) Vor-Vor-Vorgängerin war von einem Fremden vergewaltigt worden. Turandot verharrt starr und hart in dieser schrecklichen Tradition – und schützt sich rächend vor potenziell ähnlichen Übergriffen, indem sie Heiratsanwärtern unmögliche Rätsel stellt – und die chancenlosen Männer nach erwartbarem Misserfolg umbringen lässt. Yes, she can! Viele Freiende (sie liegen auf Saarbrückens Bühne vielfach tot herum) gaben ihr Leben auf diese Weise bereits dran, und irgendwann hat selbst Turandots (vermeintlich) archaisches Volk ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Arno Lücker
Performative Energien
Ein Multitalent? Es ist anzunehmen. Sirje Aleksandra Viise, die in den USA und in Berlin studierte und sich danach auf die zeitgenössische Musik und Kunst stürzte, ist nicht nur eine Expertin für besondere Klangwelten, sie liebt auch das Experimentelle an sich. Ihre Abende sind mehr als nur reine Aufführungen, sie sind vor allem eindrucksvolle...
Weise Worte: «Personen in unserer gesellschaftlichen Stellung können niemals ausgezeichnete Künstler sein», schrieb Albert, Gemahl der englischen Königin Victoria, an seinen Bruder, den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha. «Es braucht das Bemühen eines ganzen Lebens, es zu werden.» Ernst II. sah das freilich etwas anders: Nicht weniger als fünf Opern und zwei...
Dirigent Stefano Montanaro hält die Trompete zurück zu Beginn der Ouvertüre, lässt sie das Fluchmotiv zaghaft austasten, um das Crescendo dann umso heftiger aufzupeitschen. Der Vorhang öffnet sich auf ein tableau vivant: Caravaggios «Martyrium des Heiligen Matthäus», jedoch mit veränderter Besetzung. Den Soldat, der zum tödlichen Streich ausholt, maskiert ein...
