Nackt im Museum
Der US-Schlitten musste sein, im Kofferraum ließen sich schließlich wunderbar Leichen verstauen. Dazu Trenchcoats, Zigarren, Gewehre, wahlweise Messer – einst konnte man das Setting der Händel-Inszenierungen an der Bayerischen Staatsoper mühelos vorhersagen. Auch die Variante B: schräge Kostüme in Netzhaut gefährdenden Farben, eine outrierte Personenführung bis zur durchgeknallten Show, schwarzer Brit-Humor inklusive. In der Ära von Sir Peter Jonas brachte das Haus manchmal sogar zwei Barock-Premieren pro Saison heraus.
Die Übermacht der schrillen Abende à la David Alden & Co. verdeckte aber die Tatsache, dass es auch andere, tiefgründigere Lösungen gab, zum Beispiel von Christof Loy oder Pierre Audi.
Das alles muss man sich ins Gedächtnis rufen bei dieser zweiten Opernfestspiel-Premiere nach der fulminanten «Walküre». Einst war Händel neben Wagner, Strauss und Mozart Münchens vierter Säulenheiliger. Jetzt schrumpft er auf Miniaturmaß zusammen. Gerade im Vergleich. «Alcina» hat im Moment Konjunktur. Besonders in Bayern, wo die Staatstheater in Nürnberg, Regensburg und am Gärtnerplatz in kurzer Schlagfolge das Zauberinnenstück herausbrachten. Ausgerechnet das teuerste, renommierteste Haus bleibt nun weit dahinter zurück.
Dass eine Inszenierung auch mal schiefgeht, das kommt in den besten Theaterfamilien vor. Hier ist es die von Staatsopern-Debütantin Johanna Wehner. Dass aber der Sängerinnen- und Sänger-Cast auf wichtigen Positionen Stirnrunzeln provoziert, dies ist ungewöhnlich und fällt auch aufs Besetzungsbüro zurück. Wobei: Im Falle von Jeanine De Bique, in Sachen Ausstrahlung eine Idealbesetzung, hat vielleicht keiner damit gerechnet. Erst auf der Ziel -geraden, wenn die Titelheldin fast abgeschlossen hat mit ihrer Existenz, da hallt für Augenblicke ihr einstiger Wundersopran wider. Doch irgendetwas muss mit dieser weiland ohrenschmeichelnden Barock- und Mozart-Stimme passiert sein. Ab der oberen Mittellage verhärten sich die Töne, es klingt so, als sei alles nicht mehr so recht im Lot, ist auch technisch nur bedingt sicher gefasst. Ins Timbre mischen sich ungesunde Säurewerte. Um alles zu kaschieren, flüchtet sich De Bique in Manierismen, in Gehauchtes, in Kunstpausen: Hat sie zu oft mit dem schwereren Fach geliebäugelt?
Einen Fluchtversuch startet auch ein anderer. John Holiday riskiert gern robuste Ausbrüche. Vom Typ her ist er eher ein Charakter-Counter, ein Fall zum Beispiel für den Polinesso in «Ariodante». Als Ruggiero fehlt ihm hier jedoch die Sinnlichkeit und Geschmeidigkeit, das Feinbesteck, auch das Belcanteske. Den von Melancholie umflorten Ritter, der in «Verdi prati» versonnen die grünen Auen besingen müsste, den nimmt man ihm beim besten Willen nicht ab. Avery Amereau wiederum wäre eigentlich ideal fürs Barockfach, doch Bradamante liegt eine Spur zu tief für sie. Einzig Elsa Benoit (Morgana), besonders aber Julian Prégardien als Oronte zeigen, wie exquisit ihr Stilbewusstsein ist. Der Tenor agiert weit über die bloße Bewältigung hinaus, scheint mit der Partie zu spielen, mal abgesehen von ein paar leicht getricksten Koloraturen. Aber Timing, Nuancen und Agogik sind musterhaft. Ein vokales Niveau, das angemessen ist für die Staatsoper, erst recht im Festspiel-Fall.
Sie alle dürften ihre Charaktere weitgehend im Eigenbau zusammengezimmert haben. Vieles an diesem Abend driftet in die Arien-Parade: Die Ausnahmezustände der Figuren werden zu 80 Prozent an der Rampe und festen Blicks ins Publikum verhandelt. Gestische Extras, auch ein kleiner stummer Bewegungschor, all das läuft ins Leere. Halbkonzertantes mit Ausstattungsbeilage eben. Alcinas Reich ist bei Regisseurin Johanna Wehner und Benjamin Schönecker (Bühne) ein hoher Salon, mutmaßlich irgendwo in Afrika, vielleicht in einer Kolonie. Zugleich denkt man aber auch an Lateinamerika – und irgendwann sind diese Überlegungen egal. Nach der Pause wird «Nackt im Museum» gespielt. Es gibt männliche Gold-Statuen auf Sockeln oder in Wandnischen: Alcinas abgelegte und verzauberte Männer. Die werden bald lebendig, ein vorhersehbarer Einfall, der in der bloßen szenischen Dekoration steckenbleibt. Ansonsten trägt das Bühnenpersonal Glitzerkleidung mit erheblichem Kunststoff-Anteil, Kostümbildnerin Ellen Hofmann muss da beherzt in den European-Song-Contest-Fundus der 1980er-Jahre gegriffen haben. Das Fatale daran: In einer derart diffusen Personenführung, auch in der musikalischen Nummern-Girlande, verliert sich selbst ein jeder «Alcina»-Experte. Das Stück präsentiert sich plötzlich verwirrender als es Händel – nach Ariost – eigentlich konzipierte. Zu konstatieren sind eine Nivellierung der Charaktere und Situationen sowie eine szenische Beliebigkeit, die den Gehalt dieser Oper verkennt: Nie war Händel schließlich mehr Mozart-Vorläufer als hier, in der feinen Charakterzeichnung, in der weisen Tiefenschau, in einer Analyse, die nie richtet, sondern selbst für eine zu allem entschlossene Zauberin Verständnis zeigt.
Immerhin: Man hört das alles. Was Stefano Montanari mit dem Bayerischen Staatsorchester vollbringt, ist ein musikalischer Glücksfall. Die Musikerinnen und Musiker spielen auf historischen Instrumenten. Ein paar Experten wurden dazugekauft, doch das ist legitim und auch an anderen Häusern üblich. Man ist in jedem Takt fasziniert vom Ergebnis, von der Intensität, vom Farbauftrag, von der Substanz des Klanges. Expressivität, Glut, ein stetes Brio, nie larmoyantes Verweilen, alles bei größtmöglicher Flexibilität und Trennschärfe – ein Hörgenuss. Montanari, vor drei Jahren an der Bayerischen Staatsoper mit einem willkürlich gestalteten «Figaro» unangenehm aufgefallen, liefert die Zwischentöne und Subtexte, die von der Bühne verweigert werden. 2026/27 macht das Haus erst einmal Barock-Pause. Dabei hungert das Publikum nach dieser Kost, die Begeisterung in der Premiere zeigt es – in der selbst schal Schmeckendes begierig aufgenommen wird.
Händel: Alcina MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE | BAYERISCHE STAATSOPER
Premiere: 13. Juli 2026
Musikalische Leitung: Stefano Montanari
Inszenierung: Johanna Wehner
Bühne: Benjamin Schönecker
Kostüme: Ellen Hofmann
Licht: Michael Bauer
Solisten: Jeanine De Bique (Alcina), John Holiday (Ruggiero), Elsa Benoit (Morgana), Avery Amereau (Bradamante), Carine Tinney (Oberto), Julian Prégardien (Oronte), Gerrit Illenberger (Melisso)
www.staatsoper.de
Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 44
von Markus Thiel
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