Die Gegenwart der Vergangenheit

Ulrich Kreppein: «Caligari»

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Neues im Musiktheater ist seltsam auf Vergangenes bezogen: In der Oper werden ja meist historische Stücke aufgeführt. Allerdings wäre es falsch, Oper zu einem Museum zu erklären, denn die Stücke finden ja jetzt statt, werden heute auf Zeitgenossenschaft abgeklopft. Diese paradoxe Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart ist ein Wesenskern der Oper.

Opern sind Wiedergänger, wo Verdrängtes nach oben dringt: überwunden geglaubte Traumata, sexuelle Begierden und Schuldgefühle. Darin liegt auch politisches Potenzial, wie die Verdrängung sexueller Lust im 19.

Jahrhundert, wo verbotene Beziehungen und Männerphantasien Opernhandlungen prägten. Die Fähigkeit, Verdrängtes hervorzuholen, hat die Oper noch heute. Die Traumata der Gegenwart sind jedoch weniger erotischer als vielmehr thymotischer Natur: die Kränkung des (männlichen) Stolzes in einer unübersichtlichen Wirklichkeit, der Zorn auf die Welt, gekränkte Freiheit und Zerstörungslust. Angst hört auf, ein individuelles Gefühl zu sein, und beginnt, eine Gesellschaft zu bestimmen.

Deshalb ist «Das Cabinet des Dr. Caligari» kein Stoff der Vergangenheit. Der Film ist ein Seismograph. Als er 1920 erschien, bündelte er die psychische ...

ZUKUNFTSMUSIK

Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.

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Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Magazin, Seite 103
von Ulrich Kreppein, Alexander Charim

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