Im Taschenformat
Auch in Dresden schien die Saison bereits vorzeitig beendet, das Geplante bis auf Weiteres gestrichen zu sein. Umso stolzer verkündete die Semperoper, unter dem verheißungsvollen Motto «Aufklang!» den Wiederbeginn zu wagen. Oder besser gesagt, das, was einstweilen als «neue Normalität» Bestand hat.
Aufbruchsstimmung und Zukunftsoptimismus hängen letztlich allerdings an Rumpf-Versionen des Corona-bedingt ausgefallenen Restprogramms einer Spielzeit, zu deren künstlerisch wie kommerziell erfolgreichsten Produktionen vermutlich Vera Nemirovas für die Osterfestspiele Salzburg erarbeitete «Don Carlo»-Inszenierung gezählt hätte – mit Anna Netrebko und ihrem Ehemann Yusif Eyvazov. Immerhin gelang es, ein anderthalbstündiges Potpourri konzertanter Höhepunkte daraus zu arrangieren, die das Publikum nicht nur vertröstete, sondern an vier Juni-Abenden restlos beglückte. Womit nebenbei der Beweis geführt wäre, dass in Corona-Zeiten große Oper im Taschenformat sehr wohl ihre Fans findet.
So lange der virologische Imperativ gilt, tickt die Opernwelt auch außerhalb der Bühne anders: keine Endlos-Schlangen weitgereister Netrebko-Fans auf dem Theaterplatz, keine flehentlich-verzweifelt nach Karten ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Neustart, Seite 22
von Werner Kopfmüller
«Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Wem fallen bei diesem Aphorismus von Karl Kraus nicht gleich die seit 150 Jahren vom Familienclan regierten Bayreuther Festspiele ein. Wagner hat nicht nur die Werktreue erfunden, den Autorwillen durchgesetzt, sein eigenes Theater erbaut, sondern seinen Nachfolgern mit den Modellinszenierungen auch...
Fast scheint es, als stünde dieser elegant gekleidete Mann, wie er da auf einem mehr als anderthalb Meter hohen Sockel auf der Brühlschen Terrasse zu Dresden thront, das linke Knie angewinkelt, den nämlichen Fuß auf zwei Tempelruinen mit Löwenköpfen gesetzt, während der rechte auf Meißner Granit ruht, souverän über den Dingen. Doch der erste Schein trügt. Sein in...
Verdis neunter, 1846 in Venedig uraufgeführter Oper «Attila» begegnet man selten auf der Bühne. Peter Konwitschny hat sie 2013 in Wien als schrilles Kasperletheater, Dietrich Hilsdorf 2017 in Bonn als blutrünstige Groteske bebildert. Beides trifft das kolossal dimensionierte Schauerdrama um die Ermordung Attilas, das Verdi hier im Stil eines...
