Multiperspektivisch
Sein letztes Opus beschäftigt sie seit Langem. Immer wieder hat Barbara Hannigan die «Quatre chants pour franchir le seuil» gesungen. Sich in jene vier Meditationen über die Schwelle zum Tod vertieft, die Gérard Grisey 1998 abschloss, kurz bevor eine Hirnblutung den 52-Jährigen aus dem Leben riss. Mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle führte die kanadische Sopranistin den Zyklus auf und mit dem Ensemble Intercontemporain unter Susanna Mälkki.
Inzwischen leuchtet sie das um ein Sprachspiel des früh verstorbenen französischen Lyrikers Christian Guez-Ricord («La mort de l’ange»), um Inschriften von ägyptischen Sarkophagen («La mort de la civilisation»), einige Zeilen der altgriechischen Dichterin Erinna («La mort de la voix») und eine apokalyptische Szene aus dem «Gilgamesch-Epos» («La mort de l’humanité») kreisende Werk nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch als Dirigentin aus – am Pult des 2011 in den Niederlanden gegründeten Ludwig Orchestra, mit dem Hannigan regelmäßig zusammenarbeitet.
Dass für ihn Töne lebendige, in der Zeit siedelnde Wesen waren, farbige, fragile Organismen, die werden und vergehen, leuchtend, schimmernd und verblassend, unbegreiflich, ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 34
von Albrecht Thiemann
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Frau Leupold, lieben Sie das Chaos?
Eigentlich fürchte ich es. Aber vielleicht liebe ich es insgeheim? Und will einfach nicht lernen, wie es aus meinem Leben fernzuhalten wäre. Es ist immer um mich herum.
Welche Vorteile birgt dies? Und welche Nachteile?
Chaos kann durchaus inspirierend sein. Der Nachteil ist, dass es Lebenszeit frisst. Trotzdem fürchte ich, es...
