Ein Menetekel, gnadenlos

Lorenzo Fioroni und Jörg Halubek stellen am Staatstheater Kassel die Abgründe in Mozarts «Idomeneo» aus

Wie Peter Konwitschny vor Jahresfrist in Heidelberg (siehe OW 1/2019) glaubt auch Lorenzo Fioroni nicht mehr an das humanistisch überhöhte lieto fine, das glückliche Ende des «Idomeneo». Auch er negiert die aufklärerisch-dialektischen Energien des utopischem Gesellschaftsentwurfs in Mozarts pessimistischem Lehrstück über eine zu Ende gehende Zivilisation, knüpft dabei aber nicht an die Brecht-Tradition, sondern auf schockierende Weise an Artauds Theater der Grausamkeit an.

Idomeneo schlachtet, wie von Poseidon gefordert, seinen Sohn Idamante ab, der verzerrt aus dem Lautsprecher plärrende Orakel-Spruch verhallt ungehört. Der Priester kippt einen Eimer Blut über den Toten, Ilia wirft sich fassungslos über ihn. Idomeneo wird von den Wachen abgeführt, Elettra schleudert in einer letzten Arie ihre Verzweiflung heraus und bringt sich um. Zum instrumentalen Abgesang des langsam verlöschenden elegischen Andantes aus Mozarts Sinfonia concertante schneiden sich im Hintergrund weißgekleidete Bräute die Kehlen durch – eine Szene, die an den Massenselbstmord des Sonnentempler-Ordens erinnert.

Fioronis (vom Premierenpublikum gnadenlos ausgebuhtes) Menetekel einer sich selbst zerstörenden Zivilisation ist weder monströs noch zynisch, es lenkt vielmehr den Blick auf den zerreißenden Konflikt der Seelen und dessen latente Tiefenschicht. Giambattista Varescos Libretto, vor allem aber Mozarts revolutionäre, die Konventionen der Seria hinwegspülende Musik zeigt die Menschen als Opfer von Krieg und Gewalt, als Instrumente von Macht und Willkür. Alle sind Traumatisierte eines Psychodramas, das Idomeneo auslöst, als er auf der Heimfahrt vom trojanischen Krieg in ein Unwetter gerät und Poseidon als Preis für die Rettung verspricht, ihm den ersten Menschen zu opfern, auf den er nach der Landung trifft. Zu seinem Entsetzen ist es sein eigener Sohn Idamante. Das frevlerische Gelübde reißt ihn selbst, den Sohn, die kriegsgefangene trojanische Prinzessin Ilia und die auf sie eifersüchtige, hysterische Elettra in den Abgrund.

Fioroni und seine brillante Kostümbildnerin Annette Braun kehren diese Versehrtheit der Figuren und ihre seelischen Verletzungen nach außen. Idomeneo, Idamante, Ilia und Elettra sind groteske Puppen ihrer selbst, oszillieren mit wirren Haaren, weißgeschminkten Gesichtern, blutig verschmierten Lippen und halbnackten Körpern zwischen Comic und Tragödie, Popkultur und Barockprunk, Batman und Beckett. Braun zeigt sie in Unterwäsche, die Frauen mit Hängebrüsten, Korsetten und Strapsen über Fettbäuchen – aber noch dieses Innerste ist Maske, drapiertes Kostüm mit allerdings scharf herauspräparierten Charakterzügen. Körperlichkeit wird zur absoluten, bestimmenden Gebärde – am beklemmendsten der mit schorfigen Wunden in blutige Bandagen gehüllte und auf einen Rollstuhl angewiesene Idomeneo, das Gesicht ein Totenschädel, auf dem eine papierne Spielzeugkrone steckt.

Exzentrisch und doch zugleich höchst stilisiert das jede Psychologie vermeidende Spiel ein gnadenloser Kampf der Körper, der jeden Anklang an die Gestik löscht, die man sonst mit der klassizistischen Seria verbindet. Fioroni erweist sich hier als Schüler Achim Freyers, dessen archaische Traumwelt er freilich auf radikale Weise überbietet. Der Firnis der Zivilisation ist abgekratzt. Was wir sehen, sind konvulsivisch zuckende Körper, verstörend, abstoßend, hässlich. Und doch zugleich von einer anrührenden Zerbrechlichkeit – etwa im Quartett des dritten Akts, das die vier Protagonisten in ihrer existentiellen Obdachlosigkeit zeigt. Konwitschny hatte sie, je weiter sie sich innerlich voneinander entfernen, desto enger zu einem einzigen Körper verklumpt. Fioroni geht genau umgekehrt vor, legt unüberbrückbare Abgründe zwischen sie und erzeugt doch dasselbe Bild eines unerbittlichen Schicksalsknotens.

Zusammengehalten wird das Spiel durch Ralf Käselaus strengen Raum – einen kastenartigen, rundum durch gläserne Türen begrenzten und wie ein Gefängnis wirkenden Festsaal, von dem aller barocke Glanz abgebröckelt ist. Drohend erscheint im Hintergrund immer wieder die kompakte Masse des in Alltagskleidung kostümierten Chors, die aufzuwühlen es keines Seeungeheuers bedarf und deren Angsthysterie schon im Schreckensausbruch der beiden großen Chorfinales in latente Gewalt kippt. Im Schlussakt stehen nur noch die Ruinen des Saals – überragt von der zum Autodafé aufgerichteten Strohfigur Idomeneos. Fioroni zeigt, wie sich die aggressive Gewalt der Masse, die selbst Idomeneos alerter Vertrauter Arbace und der wie ein christlicher Pfarrer agierende Oberpriester des Neptun schüren, im Ritual des Menschenopfers entlädt – eine sakralisierte Tötungshandlung als gemeinschaftlicher Mord von brennender Aktualität.

Nicht zuletzt lebt die erschütternde Faszination des Abends von der Genauigkeit, mit der Fioroni auf die Untertöne in Mozarts Musik hört und dem Respekt, den er ihr zollt. Was man hört, sieht man auch. Von geringfügigen Kürzungen abgesehen folgt er der Partitur bis zur Opferhandlung, nimmt mit den beiden meist gestrichenen Arien endlich einmal auch Arbace ernst und verzichtet lediglich auf die schon von Mozart selbst noch vor der Uraufführung gestrichenen letzten Soloszenen von Idamante und Idomeneo. In Jörg Halubek hat er einen Mitstreiter am Dirigentenpult, der auf gestische Expressivität Wert legt und den Klang im Sinn der historisch informierten Aufführungspraxis mit düsterem Feuer schärft. Als Darstellerin wie Sängerin überragend Maren Engelhardt in der Kastratenpartie des hier als Neurotiker gezeigten Idamante sowie Younggi Moses Do als Arbace, der schon Mozarts kommende Tenorpartien ahnen ließ. Selbst der stimmliche Ausfall des erkrankten, nur spielenden Lothar Odinius in der Titelpartie wirkte sich nicht nachteilig aus, denn der eingesprungene Charles Workman schaffte es, seinen Gesang ganz der Szene anzupassen. Ein düsterer, lange nachhallender Theaterabend – Kassel ist eine Reise wert!


Mozart: Idomeneo
KASSEL | STAATSTHEATER
Premiere am 7. Dezember 2019

Musikalische Leitung: Jörg Halubek
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne: Ralf Käselau
Kostüme: Annette Braun
Licht: Stefanie Dühr
Chor: Marco Zeiser Celesti
Solisten: Lothar Odinius (Idomeneo/szenisch), Charles Workman (Idomeneo/Gesang), Maren Engelhardt (Idamante), Vida Miknevičiūtė (Elettra), Elizabeth Bailey (Ilia), Younggi Moses Do (Arbace), Bassem Alkhouri (Oberpriester des Neptun), Marc-Olivier Oetterli (La Voce)

www.staatstheater-kassel.de


Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Uwe Schweikert