Morgen über uns
Am Ende – kurz vor elf Uhr nachts – gehen zwei Menschen «in den Himmel» ein. Sie nennt sich Heliane und ist, der Name verrät es, eine Art weiblicher Heiland, Stimmlage Sopran. Er hat zwar keinen Namen, soll aber ebenfalls eine Erlösergestalt sein, Stimmlage Tenor. Kein Liebesduett, dafür eine Apotheose. Eigentlich sind die beiden längst tot, nun aber «strömen Du und Ich in einen Strom». Hinter der Bühne schmettern Trompeten und Posaunen. Auf der Bühne feiert der Chor in goldglänzenden Akkordtrauben einen «Morgen über uns». Das Orchester schwelgt in gleißendem H-Dur.
Der Vorhang schließt sich, wie die Regieanweisung fordert, «über Licht und Schönheit».
Maßloses Finale einer maßlosen Oper. Dass sie mit eschatologischem Furor alle Bühnenformate sprengt, macht ihren Reiz aus. Die Deutsche Oper Berlin geht damit zwar nicht in den Himmel ein, aber am späten Ende gibt es viel Jubel – von allen, die nicht im Klangbad ersoffen sind. Musiktheater als postdramatischer Selbsterfahrungstrip, als endlose, zeitfreie Performance, als sinnlicher Dauerbeschuss: Schon klar, warum Erich Wolfgang Korngolds «Wunder der Heliane» heute wieder Konjunktur hat. Christoph Schlingensief hätte sie geliebt, ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Stephan Mösch
Eine Oper der stetigen Veränderung. Kaum eine Phrase ist wie die andere. Auch wenn sie ähnlich klingt, der Rhythmus weiterläuft, jede enthält kleine, wirkungsvolle neue Impulse. Philip Glass erzählt in «Echnaton» von einem radikalen Veränderer, jenem Pharao, der sich von der unübersichtlichen Vielgötterwelt lossagte und Aton, den Sonnengott, an ihre Stelle setzte....
Es lebt sich anscheinend nicht allzu unangenehm auf einer verlassenen Insel. Gut, einige Büschel getrockneter Gräser und etwas Tigerfell sind den Damen nach 13 einsamen Jahren über die Roben gewachsen. Aber das Unzivilisierte bleibt noch immer zivilisiert, ebenso wie sich Felsen und Wälder in geordneten Bahnen zur klassischen Gassenbühne staffeln. Wir sind...
Auf Mark Wigglesworths Pult liegt John Tyrrells 2017 erschienene kritische Neuedition von Janáčeks letzter Oper «Aus einem Totenhaus». In der Ouvertüre schlagen die hohen Violinen weniger nervös aus als etwa bei Charles Mackerras: Wigglesworth scheint darauf bedacht, das beinahe kammermusikalisch agierende Orchester bewusst dicht zu führen, um den von Janáček in...
