Mit den Augen eines Kindes
Gebratzte Posaunentöne fallen über die Trompeten her. Straucheln, weichen zurück, formieren sich neu. Ein Tenor ruft zum Gegenangriff: Stählerne Fanfaren schießen aus neun Trichtern, am Himmel kreisen Elektroklänge, zwischen den Fronten die Hörer. Vor, hinter und neben ihnen rennen und stolpern behelmte Instrumentalisten vorüber, Stühle erzittern unter Explosionen.
Der «Dienstag» aus Karlheinz Stockhausens Opernzyklus «Licht» ist der Tag des Krieges.
Im zweiten Akt kämpfen Teufel-Posaunisten gegen Michael-Trompeter, jeweils flankiert von Schlagzeuger und Synthesizer, angeführt vom «Bass-Kommandant» und vom «Tenor-Offizier». Die achtspurige elektronische Komposition «Oktophonie» liefert spacig-gruselige Klänge dazu.
Neben Stockhausens Opernzyklus «Licht» wirkt selbst Wagners «Ring» überschaubar. Sieben Opern, benannt nach den sieben Wochentagen, rund 30 Stunden Musik, geschrieben für Sänger, Tänzer, Elektronik, (Kinder-)Chöre, Instrumentalisten – und vier Hubschrauber im «Helikopterstreichquartett». Es geht um alles. Um Gott und Menschen, Licht und Schatten, christliche Mythologie und fernöstliche Reinkarnation, um Liebe, Lust und Leiden, um Eva, Michael und Luzifer.
Eine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Thilo Braun
Am Ende zieht Roger seine Lackschuhe aus und begrüßt an der Rampe emphatisch die aufgehende Sonne. Aber er bleibt nicht, wie im Libretto vorgesehen, mit seinem arabischen Ratgeber Edrisi allein. Zwar ist die den Verlockungen des göttlichen Hirten erliegende Menge abgezogen, doch seine Frau Roxana, der Erzbischof, die Diakonissin und ein kleiner Junge bleiben...
Es hätte die Abschiedsvorstellung des künstlerisch erfolgreichen Intendanten Stephan Märki werden sollen. Daraus wurde nichts, Märki ging vorzeitig und im Unfrieden. Und hinterließ mit «Tristan und Isolde» ein Projekt, das die kleine Bühne bis an die Grenzen ihrer Kapazitäten forderte, ihr jetzt aber auch einen außerordentlichen Erfolg bescherte.
Wird Richard...
Das Auge muss sich erst einmal zurechtfinden auf Dorota Karolczaks üppig möblierter Bühne im noch schummrigen Licht der Ouvertüre von «Rodrigo», der diesjährigen Neuproduktion der Göttinger Händel-Festspiele. Denn der einst elegante Salon mit Hinterzimmern ist arg heruntergekommen. Der Putz bröckelt, großflächig breitet sich Schimmel aus, Löcher in der Decke und...
