Mit den Augen eines Kindes
Gebratzte Posaunentöne fallen über die Trompeten her. Straucheln, weichen zurück, formieren sich neu. Ein Tenor ruft zum Gegenangriff: Stählerne Fanfaren schießen aus neun Trichtern, am Himmel kreisen Elektroklänge, zwischen den Fronten die Hörer. Vor, hinter und neben ihnen rennen und stolpern behelmte Instrumentalisten vorüber, Stühle erzittern unter Explosionen.
Der «Dienstag» aus Karlheinz Stockhausens Opernzyklus «Licht» ist der Tag des Krieges.
Im zweiten Akt kämpfen Teufel-Posaunisten gegen Michael-Trompeter, jeweils flankiert von Schlagzeuger und Synthesizer, angeführt vom «Bass-Kommandant» und vom «Tenor-Offizier». Die achtspurige elektronische Komposition «Oktophonie» liefert spacig-gruselige Klänge dazu.
Neben Stockhausens Opernzyklus «Licht» wirkt selbst Wagners «Ring» überschaubar. Sieben Opern, benannt nach den sieben Wochentagen, rund 30 Stunden Musik, geschrieben für Sänger, Tänzer, Elektronik, (Kinder-)Chöre, Instrumentalisten – und vier Hubschrauber im «Helikopterstreichquartett». Es geht um alles. Um Gott und Menschen, Licht und Schatten, christliche Mythologie und fernöstliche Reinkarnation, um Liebe, Lust und Leiden, um Eva, Michael und Luzifer.
Eine ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Thilo Braun
Rot, rot, immer wieder rot. Warum fällt den Kostümbildnern für starke Frauen immer nur das eine ein? Auch Clémentine Margaine muss im neuen Berliner «Don Quichotte» als Dulcinée natürlich die Hallo-Ich-Bin-Begehrenswert-Signalfarbe tragen. Weil Katrin Wolfermann der schwangeren Sängerin aber ein denkbar spießiges Kleid mit Schleife am Hals verpasst und der...
Allzu oft bekommt man ihn nicht zu sehen, den «Ring» an der Met. Im April und Mai traten Nibelungen, Götter und Kohorten nach sechsjähriger Pause wieder an. Am Pult stand mit Philippe Jordan ein in New York selten anzutreffender Gast. Zur gespannten Erwartung trug auch Michael Volle bei, der nach seinem Rollendebüt als Wanderer im ersten der beiden Met-Zyklen auch...
Die Szene ist Legende. Weil sie so mysteriös ist, buchstäblich von Schlummerwolken umkränzt. «Götterdämmerung», zweiter Aufzug, erste Szene. Ein Mann sitzt, schwer bewaffnet, am Flussufer vor der Gibichungenhalle und schläft. Aber er schläft mit offenen Augen. Träumt er, dämmert er vor sich hin? Oder macht er nur ein kleines Brecht’sches Nickerchen, in dessen...
