Vor Gericht
Die Szene ist Legende. Weil sie so mysteriös ist, buchstäblich von Schlummerwolken umkränzt. «Götterdämmerung», zweiter Aufzug, erste Szene. Ein Mann sitzt, schwer bewaffnet, am Flussufer vor der Gibichungenhalle und schläft. Aber er schläft mit offenen Augen. Träumt er, dämmert er vor sich hin? Oder macht er nur ein kleines Brecht’sches Nickerchen, in dessen Verlauf ihm ausgerechnet sein Vater, der Nachtalbe Alberich, begegnet? Die Frage ist ungeklärt, zumal wir den «Schläfer» nicht mehr fragen können.
Hagen, der böse Dämon, zählt zu den zehn Todesopfern in Richard Wagners «Ring des Nibelungen».
Um diese wie um mehr oder minder erfolgreiche Liebeskonstellationen kümmert sich nun explizit Peter Ernst Küfner in seinem Buch «Vier Ehedramen und zehn Todesfälle». Doch nicht als Dramaturg oder Musikwissenschaftler untersucht Küfner die Tetralogie: Ihn interessiert die Frage, wie die Vorgänge, Handlungen und Taten aus juristischer Perspektive zu bewerten sind. Der studierte Jurist und exquisite Wagner-Kenner kann dabei aus dem Vollen schöpfen: Während er das Buch schrieb, lagen mehrere Gesetzessammlungen auf seinem Schreibtisch, deren Sprache er aus dem Effeff beherrscht, will sagen: ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Jürgen Otten
Gelegentlich öffnet sich der Himmel des Liedgesangs. Für den Schreiber dieser Zeilen war’s etwa im Frühjahr 1964, als er in Graz Fritz Wunderlich mit Schumanns «Dichterliebe» live hörte. Die Einspielung dieses Zyklus durch den Tenor und Hubert Giesen darf als Referenz gelten; freilich folgt sie der auch heute noch weithin benutzten, 16 Lieder umfassenden...
Anstößig sei alles wahrhaft Produktive, schrieb Friedrich Nietzsche in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Er bezog es auf einen «allgemein ansprechenden Ton» mancher Schriftsteller, dem eben dieses Anstößige fehle. Ob auch Bohuslav Martinů (1890-1959) etwas Unangepasstes meinte, als er angab, er habe seine «Lieder geschrieben, wenn er nicht komponierte»?...
Eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang. Der Schauplatz: die Bretagne im Mittelalter, ein stereotypisches Nordland mit Seen, Schlössern, Kirchen und Hirschjagden, nebelverhangen. Die Handlung: gespickt mit Eifersuchtsdramen, einem Duell, einem Hexenprozess und vermeintlichen Todesfällen. Der krause Plot und das Schauerambiente inspirierten Bellini zu einer...
