Menschenwerk und Gottes Beitrag
Das Schicksal des Menschen ist, so scheint es zumindest, elastisch. Es kann prokastiniert, gedehnt und verzögert werden, nicht jedoch ins Unendliche. Unweigerlich kommt irgendwann der Moment, in dem das Gummi des Lebens reißt und der Tod durch die Tür tritt, unheimlich, still und nur selten leise. Dem (Musik-)Philosophen Vladimir Jankélévitch verdanken wir die Erkenntnis, dass dieser Augenblick, als «vereinzeltes und unvergleichliches Ereignis», sich auf keinen Begriff bringen und in keine Kategorie zwingen lässt.
Auch der Tod selbst, jene durchscheinende Membran, die das Diesseits vom Jenseits trennt, ist Mirakel und Stachel, er trägt, wie Jankélévitch es in seiner dialektisch durchwirkten und gerade deswegen so delikaten Studie «La mort» aus dem Jahr 1977 schreibt, das Gepräge des Absurden. Er ist eine Leere, die plötzlich im Leben eines jeden Wesens aufbricht: «Das Seiende, das wie durch eine wundersame Verfinsterung plötzlich unsichtbar wird, stürzt auf einmal durch eine Falltür des Nicht-Seins».
Für die Titelfigur in Dallapiccolas Bühnenwerk «Il prigioniero», das die Erfahrungen des Komponisten mit Krieg wie Faschismus widerspiegelt und als gebrochenes Dokument menschlicher ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Jürgen Otten
Für seine Vertonung des Schauspiels von Oscar Wilde verzichtet Gerald Barry auf einen Höhepunkt des vom Plot aus dem Markus-Evangelium zur Sexphantasie für Oper, Literatur und Film gewordenen Narrativs über Salome. In der Textbuch-Einrichtung des irischen Komponisten singen alle Figuren in englischer Übersetzung, nur der am Ende geköpfte Prophet tut es in Wildes...
Nein, die blaue Libelle fliegt hier nirgendwo hin. Wie auch, wo sie keine Flügel hat und weit und breit kein Gewässer zu sehen ist, stattdessen aber eine schäbige, mit Kritzeleien beschmierte Häuserfront im Dämmerlicht. An der lehnt, allein, einsam und nervös rauchend, die hinzuerfundene Mutter der Füchsin. Augenblicklich wird klar, die «Libelle» (Alessia Aurora...
Im Kopf des jungen Mannes herrscht ein Riesen-Durcheinander. Seine gesamte Identität schwankt bedenklich, das Dasein erscheint ihm wie ein einziges Paradoxon. Auf der einen Seite fühlt sich Lisandro Vega, den sie alle nur Eisejuaz nennen, verbunden mit jenem indigenen Stamm aus dem Norden Argentiniens, als dessen Mitglied er aufgewachsen ist, auf der anderen prägt...
