Versehrte Seelen
Im Kopf des jungen Mannes herrscht ein Riesen-Durcheinander. Seine gesamte Identität schwankt bedenklich, das Dasein erscheint ihm wie ein einziges Paradoxon. Auf der einen Seite fühlt sich Lisandro Vega, den sie alle nur Eisejuaz nennen, verbunden mit jenem indigenen Stamm aus dem Norden Argentiniens, als dessen Mitglied er aufgewachsen ist, auf der anderen prägt ihn die Sozialisation durch eine Missionsstelle mit ihren strengen Geboten.
So zieht es ihn einerseits immer wieder zur vertrauten schamanischen Tradition, Eisejuaz kommuniziert mit den Tieren und den Bäumen, die zu ihm sprechen. Zugleich führt er ein (bürgerliches) Leben, in dem ihm puristische Pastoren das Schreiben und Lesen beibringen, aber auch Gehorsam, ja, Unterwerfung fordern. In diesem Gestrüpp dröhnen die Kettensägen und die Lastwagen, die Ladung um Ladung das Biotop des Waldes zerstören – Eisejuaz selbst nimmt daran teil, indem er zeitweise in einem Sägewerk arbeitet. Und stößt dabei auf eine Vielzahl von Menschen, die ihm mit den unterschiedlichsten Forderungen begegnen.
So schildert es die argentinische Schriftstellerin Sara Gallardo in «Eisejuaz», ihrem beklemmenden Roman aus dem Jahr 1971. Dieser ist in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Peter Hagmann
Für seine Vertonung des Schauspiels von Oscar Wilde verzichtet Gerald Barry auf einen Höhepunkt des vom Plot aus dem Markus-Evangelium zur Sexphantasie für Oper, Literatur und Film gewordenen Narrativs über Salome. In der Textbuch-Einrichtung des irischen Komponisten singen alle Figuren in englischer Übersetzung, nur der am Ende geköpfte Prophet tut es in Wildes...
arte
04.05. – 17.40 Uhr Anne-Sophie Mutter spielt John Williams
Für die Ausnahmegeigerin hat der US-Amerikaner John Williams ein viersätziges Violinkonzert geschrieben. Die Weltpremiere fand im Sommer 2021 beim berühmten Tanglewood Festival in Massachusetts statt.
04.05. – 23.55 Uhr Die Zukunft der Musik
Kann eine Künstliche Intelligenz Musik mit Seele spielen?...
Ausnahmetalent
Die Poesie ist schon ihrem Vornamen eingeschrieben: Mondblume. Und als solche blüht Aigul Akhmetshina nun schon seit einigen Jahren mächtig auf. Ihre Elisabetta in Donizettis «Maria Stuarda» war eine Sensation, ebenso ihre Carmen. Und auch in der Partie der Adalgisa zeigt die Mezzosopranistin, wieviel Potenzial in ihrer warmen Stimme steckt. Ein...
