Melancholische Rouladen
Julia Lezhneva besitzt eine Stimme, die einen beim ersten Ton elektrisiert. Besonders wenn man das melancholisch-samtige Timbre slawischer Sängerinnen mag. «Sopran» steht auf dem Cover ihrer ersten Recital-CD. Dafür klingt die Stimme erstaunlich dunkel. Es ist eher ein leichter, beweglicher Mezzo mit Höhe: eine geborene Rossini-Sängerin, zumal die Koloraturen voll, rund und ebenmäßig schön gebildet perlen.
Kein Wunder, dass Alberto Zedda die Sängerin von der geopolitisch umstrittenen Zuchthaus- und Erdöl-Insel Sachalin im Japanischen Meer (Tschechow schrieb eine berühmte Reportage über sie) gleich nach ihrem Konzertdiplom zum Rossini-Festival nach Pesaro holte. Da war sie 19. Dann sicherte sich Marc Minkowski die Ausnahmekünstlerin. Er ist es auch, der sie jetzt mit diesem Rossini-Recital und auf der Bühne mächtig promotet.
Mezzo mit Höhe. Die Höhe vom zweigestrichenen f an ist noch etwas problematisch. Ist sie legato in die Koloratur eingebunden und piano artikuliert, klingt sie glühend, überirdisch schön. Gleich im Schlussrondo aus «La donna del lago», mit dem das Recital klug beginnt, weil es dem melancholischen canto di grazia der Lezhneva und mit seiner um das zweigestrichene ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Medien/CD, Seite 22
von Boris Kehrmann
Man kann sich bei Barrie Kosky auf einiges verlassen: seinen Hang zur Überbetonung, zum Showhaften, zum Gag. Aber mit ein bisschen Glück mischt sich zum Glamour auch die starke Geste, zum Vorlauten auch das stille Moment.
Für Letzteres ist im hannoverschen «Ring», der jetzt mit «Siegfried» in die Zielgerade einbiegt, vor allem das stumme Erda-Double zuständig:...
Vielleicht hängt der internationale Erfolg des 1955 in Hiroshima geborenen Toshio Hosokawa mit einer Sehnsucht zusammen – der Sehnsucht der westlichen Welt, die kommerzielle Kolonialisierung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg rückgängig zu machen und die alte japanische Kultur wieder leuchten zu lassen: ihre puristische Strenge, ihren Antirealismus, den Kosmos...
Francis Poulencs Oper «Dialogues des Carmélites», die 1957 bei ihrer Erstaufführung in Köln von der Kritik verständnislos aufgenommen wurde, macht gegenwärtig die Runde an deutschsprachigen Bühnen. Mit dem gebührenden historischen Abstand nimmt man endlich auch hierzulande wahr, dass es sich um ein musikalisches Meisterwerk handelt. Nur vordergründig geht es um das...
