Bein(kleider)freiheit

Hannover: Wagner: Siegfried

Opernwelt - Logo

Man kann sich bei Barrie Kosky auf einiges verlassen: seinen Hang zur Überbetonung, zum Showhaften, zum Gag. Aber mit ein bisschen Glück mischt sich zum Glamour auch die starke Geste, zum Vorlauten auch das stille Moment.



Für Letzteres ist im hannoverschen «Ring», der jetzt mit «Siegfried» in die Zielgerade einbiegt, vor allem das stumme Erda-Double zuständig: Evelyn Gundlach trug schon im «Rheingold» ihre nackte Haut zu Markte, sie versucht den Wanderer zu trösten, und sie wird, falls Kosky seine Essener «Götterdämmerung» für Hannover nicht völlig umschreibt, in Kürze auch hier den Abgesang der Götterwelt einleiten.

Die hat allerdings schon in Hannover im Wortsinne die Hosen herunterlassen müssen. Wotan/Wanderer streift nur in Unterhosen durch die Handlung, hat aber den längsten Speer aller Zeiten in den Händen. Weil der aber sehr unhandlich ist, bleibt der Göttervater schon mal hängen, noch ehe Enkel Siegfried die Speerspitze entmannt.

Auch Mime und Siegfried stapfen kniefrei durch dieses Bubenstück. Nur wenn der Held loszieht, um Brünnhilde zu minnen, darf er sich lange Hosen anziehen. Andernfalls würde ihn die Rocker-Braut wohl kaum ernst nehmen.

Nach einem kurzweiligen, manchmal ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Rainer Wagner

Weitere Beiträge
Millimeterarbeit

Darauf, dass Mozarts «Così fan tutte» eine eher bitter als heitere Komödie ist, deutet bereits der ironische Untertitel «La scuola degli amanti» hin. Hinter dem Verwechslungszauber lauert ein grausames Kammerspiel mit eisiger Desillusionierungskonsequenz – das hat sich inzwischen flächendeckend herumgesprochen. Als harmlose Buffa unter Verschweigung von Mozarts...

Editorial der Ausgabe Juni 2011

Goethe war bekanntlich der Meinung, die Postkutsche fahre eigentlich zu schnell, weil man in ihr die wechselnden Düfte der Baumblüten gar nicht mehr aufnehmen könne. Als ein paar Jahrzehnte später die ersten Züge unterwegs waren, trauten viele Fahrgäste kaum ihren Augen und waren schockiert über die Geschwindigkeit. Heute geht das Schnellerwerden so schnell voran,...

Mysterien in Weiß

«Hoffentlich beten Sie mit mir, dass SONNTAG aus LICHT kein ‹Ruhetag› sondern ein Tanz in die Sonne wird. FURCHTLOS WEITER! Ihr Stockhausen.» Den Briefappell des Komponisten von 1995 verstand die Kölner Oper nach mehr als einem Jahrzehnt wohl als ferne Aufforderung, die letzte Etappe, den «Sonntag» aus dem gewaltigen «Licht»-Epos der sieben Wochentage, erstmals...