Bein(kleider)freiheit
Man kann sich bei Barrie Kosky auf einiges verlassen: seinen Hang zur Überbetonung, zum Showhaften, zum Gag. Aber mit ein bisschen Glück mischt sich zum Glamour auch die starke Geste, zum Vorlauten auch das stille Moment.
Für Letzteres ist im hannoverschen «Ring», der jetzt mit «Siegfried» in die Zielgerade einbiegt, vor allem das stumme Erda-Double zuständig: Evelyn Gundlach trug schon im «Rheingold» ihre nackte Haut zu Markte, sie versucht den Wanderer zu trösten, und sie wird, falls Kosky seine Essener «Götterdämmerung» für Hannover nicht völlig umschreibt, in Kürze auch hier den Abgesang der Götterwelt einleiten.
Die hat allerdings schon in Hannover im Wortsinne die Hosen herunterlassen müssen. Wotan/Wanderer streift nur in Unterhosen durch die Handlung, hat aber den längsten Speer aller Zeiten in den Händen. Weil der aber sehr unhandlich ist, bleibt der Göttervater schon mal hängen, noch ehe Enkel Siegfried die Speerspitze entmannt.
Auch Mime und Siegfried stapfen kniefrei durch dieses Bubenstück. Nur wenn der Held loszieht, um Brünnhilde zu minnen, darf er sich lange Hosen anziehen. Andernfalls würde ihn die Rocker-Braut wohl kaum ernst nehmen.
Nach einem kurzweiligen, manchmal ...
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Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Rainer Wagner
Lieber Aribert Reimann,
sehr verehrte Damen und Herren,
der Zufall kann ein kluger Gefährte sein. Je näher der Termin der heutigen Laudatio rückte, desto häufiger beschlich mich ein Wort aus Bachs «Johannes-Passion». Es findet sich zu Beginn eines kontemplativen Bass-Ariosos und klingt fast wie Mörike: «Betrachte, meine Seel’, mit ängstlichem Vergnügen». Vergnügen...
Es wird wohl das Spielzeit-Motto gewesen sein, das die Leitung des Trierer Theaters dazu bewegte, die deutsche Erstaufführung der Philip Glass-Oper «The Voyage» an Land zu ziehen. «welt.eroberung» lautete das Leitmotiv der zu Ende gehenden Saison an der Mosel, und dazu schien die Glass-Menagerie aus gestrandeten Astronauten, zweifelnden Wissenschaftlern und dem...
Die Oper aller Opern – Mozarts «Don Giovanni» wird gern so genannt. Wer allerdings Amilcare Ponchiellis «La Gioconda» in Karlsruhe wieder einmal begegnete, winkt da nur ab: Ach was! Vereinigt nicht vielmehr dieser ausgebuffte Venedig-Kracher, für den der Librettist Arrigo Boito nicht mal seinen Namen hergeben mochte (er zeichnete mit dem Anagramm Tobia Gorrio), all...
