Melancholie, mon amour
Die Nachtigall singt. Aber so leise, so zärtlich, dass hinter ihrer gedämpften Stimme die Landschaft hervortritt, das Idyll, seine vage pneumatische Suggestion. «En sourdine», heißt das Kleinod, in dem sich diese Atmosphäre einer inneren wie äußeren Gemütsruhe beschrieben sieht, und nur ein Gabriel Fauré konnte es in dieser Manier komponieren – als eine stoische, beinahe gleichermaßen subtile wie selbstgenügsame, aber den Geist weitende Innenschau mit mediterraner Anmutung.
Ein Lied wie ein Gedicht ist diese Naturbetrachtung auf Verse Verlaines, hintergründig hingehaucht, mildschön aufblühend wie ein Flieder, zart besaitet und doch konsistent genug, um der Welt auf Augenhöhe zu begegnen.
«En sourdine» ist nicht das einzige Stück auf diesem Album, das unsere Sinne mit feinem Staub betört. Aber es ist eines der anmutig-innigsten, auch weil Adèle Charvet und ihr Pianist Florian Caroubi es so wunderbar ausziseliert, zugleich nur in behutsam umrissenen Linien gestalten, wie eine Andeutung, wie eine Ahnung, fast wie ein Fragezeichen. Damit bekunden beide ein hohes Stilbewusstsein für Faurés Musik, wie sie es schon im «Chanson du pêcheur» aus den «Deux Mélodies» op. 4 (auf ein Gedicht ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Medien, Seite 40
von Jürgen Otten
Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung.» Mit dem kühnen Satz krönte Ferruccio Busoni 1907 seinen «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» – in der zweiten Fassung 1916 Rainer Maria Rilke, «dem Musiker in Worten verehrungsvoll und freundschaftlich dargeboten». Mit dem Schweben zwischen der Tradition und einer dank Schönberg sich...
Sie sind einander vermutlich nie begegnet, obwohl sie das gleiche Schicksal teilten, wussten deswegen auch nicht, dass es weitere Parallelen zwischen ihnen gab. Beide Frauen waren jung und jüdischen Glaubens, beide führten, bevor sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen kamen, zwei Jahre lang Tagebuch, die eine in Paris, die andere in Amsterdam. Der wesentliche...
Sie war das, was man gemeinhin eine schillernde, im wahrsten physiognomischen Sinne imposante Gestalt nennt: Caterina Cornaro, Kunstmäzenin, Intellektuelle, Humanistin und – notgedrungen, zunächst als Gattin Jakob II. von Lusignan und danach als dessen Witwe – letzte Königin von Zypern. Vita und Werk dieser außergewöhnlichen Renaissance-Herrscherin, die 1454, als...
