Melancholie, mon amour

Adèle Charvet und Florian Caroubi verzaubern uns mit Mélodies aus der Belle Époque

Opernwelt - Logo

Die Nachtigall singt. Aber so leise, so zärtlich, dass hinter ihrer gedämpften Stimme die Landschaft hervortritt, das Idyll, seine vage pneumatische Suggestion. «En sourdine», heißt das Kleinod, in dem sich diese Atmosphäre einer inneren wie äußeren Gemütsruhe beschrieben sieht, und nur ein Gabriel Fauré konnte es in dieser Manier komponieren – als eine stoische, beinahe gleichermaßen subtile wie selbstgenügsame, aber den Geist weitende Innenschau mit mediterraner Anmutung.

Ein Lied wie ein Gedicht ist diese Naturbetrachtung auf Verse Verlaines, hintergründig hingehaucht, mildschön aufblühend wie ein Flieder, zart besaitet und doch konsistent genug, um der Welt auf Augenhöhe zu begegnen.

«En sourdine» ist nicht das einzige Stück auf diesem Album, das unsere Sinne mit feinem Staub betört. Aber es ist eines der anmutig-innigsten, auch weil Adèle Charvet und ihr Pianist Florian Caroubi es so wunderbar ausziseliert, zugleich nur in behutsam umrissenen Linien gestalten, wie eine Andeutung, wie eine Ahnung, fast wie ein Fragezeichen. Damit bekunden beide ein hohes Stilbewusstsein für Faurés Musik, wie sie es schon im «Chanson du pêcheur» aus den «Deux Mélodies» op. 4 (auf ein Gedicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Medien, Seite 40
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Trage Trauer, Natur!

Die Tonart verheißt wenig Gutes. Gevatter Tod blinzelt sardonisch grinsend um die Ecke, und nach nur vier Takten des Préludes ist der Absolutismus der Wirklichkeit einfach nicht mehr fortzudenken. Mehr und schlimmer noch: Er hat auf ganzer Linie gesiegt. Anders lässt sich der Gang der harmonischen Dinge zu Beginn von Massenets «Werther» kaum interpretieren: Von der...

Social-Mediadrama

Es gibt viele Zugänge und Interpretationsmöglichkeiten zu Oscar Wildes Roman «Das Bildnis des Dorian Gray», und die nun in Poznań uraufgeführte Oper der 82-jährigen polnischen Komponistin Elżbieta Sikora auf ein Libretto des Regisseurs David Pountney ist auch nicht die einzige Dorian-Gray-Oper, ganz zu schweigen von den vielen Balletten, Theaterfassungen, Filmen...

Erkenne Dich selbst!

Alice fällt. In der langen Eröffnungsszene wird vom Schnürboden eine Artistin als ihr Double herabgelassen, die in Zeitlupe mal kopfüber, mal kopfunter mit Armen und Beinen Halt und sich der Schwerkraft zu widersetzen sucht. Vergeblich. Dazu entwickelt sich im Graben, aus unheimlich tiefen Schlagzeugklängen, bald eines jener quecksilbrigen, glitzernden Klangbilder,...