Meister der Mimikry

François-Xavier Roth und Les Siècles machen sich für Camille Saint-Saëns’ fantastische Oper «Le Timbre d’argent» stark

Opernwelt - Logo

Um Faust zur Unterschrift unter den höllischen Pakt zu bewegen, eröffnet Méphistophélès seinem Opfer einen magischen Durchblick: Marguerite erscheint als Zauberbild. Hornrufe und Harfenarpeggi signalisieren ein Reich des Wunderbaren. Auf diese kurze Szene in Gounods «Faust» von 1859 antwortet Camille Saint-Saëns fünf Jahre später in seiner Opéra fantastique «Le Timbre d’argent» (Das Silberglöckchen) im Modus der Überbietung.

Wieder ertönen Hornrufe und ein gleißendes Holzbläser- und Streichergewebe, wenn unter der Anleitung des satanischen Spiridion ein Bild des Malers Conrad ins Leben tritt: Der gemalten Circé entspringt ihr Modell, die Tänzerin Fiammetta. Das Porträt weitet sich zum Landschaftsbild, und ein Nymphenchor beschwört den Zauber der Verlebendigung, der in den folgenden Akten immer neue teuflische Metamorphosen hervortreiben wird. Berlioz’ Sylphenszene an den Ufern der Elbe aus «La Damnation» stand Pate. Den Pakt ersetzt das Glöckchen, das unermesslichen Reichtum und Tod zugleich bedeutet und das Conrad in den sicheren Abgrund führen soll: Bei jedem mutwilligen Gebrauch regnet es Gold, und zugleich stirbt ein Mensch. Doch die Gounod-Referenzen reichen weiter: Seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Schutz unter dem Regenbogen

Carmela, zehn Jahre alt, ist Fremde in einem fremden Land. Sie wurde zwar in Palermo geboren, als Tochter ghanaischer Eltern, doch die italienische Staatsbürgerschaft bleibt ihr verwehrt. Dass das Mädchen sich trotzdem heimisch fühlt, hat mit einer Musikinitiative zu tun, dem so genannten Regenbogenchor. Vor sechs Jahren ist er am Teatro Massimo gegründet worden,...

Personalien, Meldungen Dezember 2020

JUBILARE

Ernst Krenek war sauer. Stocksauer. Da hatte doch dieser unverschämte junge Regisseur am Staatstheater Darmstadt 1978 sein heiliges Werk «Karl V.» so unbotmäßig und radikal gekürzt, dass der Schöpfer es kaum mehr wiedererkennen mochte. Wütend also suchte der eigens aus den Vereinigten Staaten von Amerika angereiste Komponist das Weite und produzierte damit...

Premieren Dezember 2020

Diese Übersicht bietet eine Auswahl der bei Redaktionsschluss (10. November) angekündigten Musiktheater- und Opernpremieren des Monats Dezember 2020. Informationen zu Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen finden Sie auf den Websites der Häuser. Eine Liste mit Kontaktdaten gibt es online unter diesem Link: www.der-theaterverlag.de/serviceseiten/theaterlinks/

M...