Mehr Fantasy, bitte

Vielleicht ist «Euryanthe» Carl Maria von Webers romantischste Oper. Ein Fantasiestück, in dem die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion, Wirklichkeit und Traum, Verstand und Gefühl, Zeit und Raum aufgehoben scheinen. Die Qualität der Partitur steht außer Frage. Aber in der auf einer französischen Mittelalter-Romanze fußenden Geschichte um Burgdamen, Ritter und eine Geistergruft wirbeln die Sphären so gründlich durcheinander, dass es das Stück nur selten auf die Bühne schafft. Ausnahmen bestätigen die Regel – u. a. 1993 in Aix-en-Provence (Jeffrey Tate/Hans Peter Cloos), 2002 in Glyndebourne (Mark Elder/ Richard Jones), 2003 in Amsterdam (Claus Peter Flor/David Pountney), 2007 in Dresden (Hans E. Zimmer/ Vera Nemirova) und 2015 in Frankfurt (Roland Kluttig/Johannes Erath). Dabei ist auch das immer wieder gescholtene Libretto Helmina von Chézys weit besser als sein Ruf. Höchste Zeit, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.

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Schon die Zeitgenossen des Komponisten hatten mit diesem als «große romantische Oper» annoncierten Werk ihre liebe Not. Nicht, dass die Musik der 1823 am Wiener Kärntnertortheater uraufgeführten «Euryanthe» enttäuscht hätte. Der Dreiakter bietet attraktives, anspruchsvolles Material für die Solisten wie für das Orchester.

Aber war das, was Carl Maria von Weber da zwei Jahre nach dem «Freischütz» vorgelegt hatte, wirklich eine Oper? Bis heute stellt «Euryanthe» Intendanten, Regisseure und Bühnengestalter vor gewaltige Probleme, auf eine szenische Auseinandersetzung lässt sich kaum jemand ein. Die letzten Versuche unternahmen Leon Botstein am Richard B. Fisher Center for the Performing Arts des Bard College im amerikanischen Annandale (siehe OW 9-10/2014) und die Oper Frankfurt (siehe OW 6/2015). Am Hudson wie am Main hatte man sich entschlossen, die um das Jahr 1110 angesiedelte Geschichte in eine andere Zeit zu verlegen: in die Viktorianische Epoche (Annandale) respektive in die von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder geprägten frühen Jahre der Bundesrepublik (Frankfurt). Die Regisseure – Kevin Newbury bzw. Johannes Erath – hatten zudem die Idee, eine in der Oper lediglich als Geist ...

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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Essay, Seite 44
von Sabine Henze-Döhring

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