Maskeraden
Mit der «Originalität» von Kunstwerken ist es so eine Sache. Jedenfalls, wenn darunter etwas Solitäres, ein aus Geschichte und Kontext herausgesprengter Geniestreich verstanden wird, finite Setzung eines autonomen Schöpfergeistes. Werke – das waren für Luciano Berio keine ein für allemal in Stein gemeißelten Monumente, sondern offene Gebilde, Organismen mit uneinholbarem Vor- und Nachleben. Deshalb hatten in seinem kompositorischen Denken und Œuvre «eigene» Arbeiten den gleichen Stellenwert wie die Überschreibung «fremder» Vorlagen.
Ob Berio sein Material nun bei Boccherini, Bach, Brahms, Mahler oder de Falla, in der Volksmusik Europas und Amerikas oder in Beatles-Songs fand, immer spricht da ein hellhörig kommentierender Übersetzer, der aus Liebe zum Gegenstand – hier mit breitem Strich, dort mit feinem Humor – zwischen Zeiten, Genres und Stilen vermittelt.
«Transformation» – der Titel des Programms, das Ivor Bolton 2018 mit dem Sinfonieorchester Basel eingespielt hat, trifft die künstlerische Haltung hinter den hier versammelten Stücken genau. Den unvollendeten «Contrapunctus XIX» aus der «Kunst der Fuge», für ein 23-köpfiges Kammerensemble gesetzt, in dem dunkle ...
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Opernwelt Juni 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 36
von Albrecht Thiemann
Den Namen Antonio Draghi (1634–1700) nie gehört zu haben, ist keine Schande – und nach dieser Ausgrabung darf man ihn auch sogleich wieder vergessen. Der Italiener kam 1658 als Bassist nach Wien und machte dort als Sänger, Librettist, Komponist, Opernintendant und schließlich seit 1682 als Hofkapellmeister des selbst komponierenden Kaisers Leopold I. Karriere....
Kate Lindsey, Anfang März standen Sie noch als Nero auf der Bühne der Met. Wo sind Sie gerade?
Zu Hause in Brighton, zum Glück. Die «Agrippina» war am 7. März abgespielt, am 12. stellte das Haus den Betrieb ein. Mein Mann und ich wollten eigentlich in den USA bleiben, weil drei Wochen später schon die Proben für «Pelléas et Mélisande» in Los Angeles losgehen...
Am 22. April ist Sir Peter Jonas gestorben, in einem Münchner Krankenhaus, nach lebenslanger Krankheit. Aber es war am Ende nicht der Krebs, der ihn tötete, sodass ihm die endgültige Genugtuung zuteil wird, die Bestie besiegt zu haben, die ihn jahrelang verfolgt hatte. Anfang der 1970er-Jahre wurde bei ihm das Hodgkin-Lymphom diagnostiziert, für das genau zu...
