Editorial Juni 2020
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. So lässt sich das Wechselbad der Gefühle zusammenfassen, dem ausgeliefert war, wer unlängst das traditionelle Europakonzert der Berliner Philharmoniker verfolgte. Seit drei Jahrzehnten feiert das 1882 gegründete Orchester am 1. Mai mit diesem Konzert Geburtstag – und die Vision eines föderalen Kontinents, der das Gemeinsame in der Vielfalt erkennt. Jeweils an einem «kulturgeschichtlich bedeutsamen Ort der Alten Welt», rund um den Globus live übertragen.
Claudio Abbado machte 1991 im Prager Smetana-Saal den Anfang, 2020 wollten die Musiker mit ihrem neuen Chef Kirill Petrenko in Tel Aviv auftreten. Wegen der Corona-Pandemie musste die Reise abgesagt werden, zur Aufführung kam stattdessen ein auf die besonderen Umstände zugeschnittenes Programm in der heimischen Philharmonie. Ohne Publikum, mit 15 Solisten, im Abstand von mehreren Metern auf dem Podium verteilt. Beeindruckend, welche Intensität in der erzwungenen Klausur Arvo Pärts «Fratres» und Samuel Barbers «Adagio» gewannen: die Aura tieflotender Trauermusiken. Unfassbar, wie klar die schwebenden Texturen von György Ligetis «Ramifications» aus der Isolation heraus leuchteten. Herzzerreißend ...
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Opernwelt Juni 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Albrecht Thiemann
Frau Carp, am 22. April haben der Aufsichtsrat und dessen Vorsitzende, die nordrhein-westfälische Kultusministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Ruhrtriennale abgesagt – auch unter Hinweis auf den Beschluss von Bund und Ländern, Großveranstaltungen bis zum 31. August auszusetzen. Die Ruhrtriennale hätte am 14. August angefangen und bis Mitte September gedauert....
Was wir uns sparen können: die immer schon merkwürdige Diskussion, ob die Theater leer bleiben, wenn, was auf den Bühnen geschieht, im Netz zu sehen ist. «Video Killed the Radio Star» – das war schon 1979 falsch, als The Buggles damit ihr One-Hit-Wonder hatten. Nicht dass es in der Mediengeschichte keine Untergänge gäbe, doch die Sorge, dass die Orte verwaisen...
Frau Wedl-Wilson, welche Herausforderung bedeutet die Corona-Krise für eine Musikhochschule?
Wir waren bis zum Ausbruch dieser Pandemie nicht digital. So ist es zum Beispiel nicht selbstverständlich, dass jeder und jede unserer Studierenden einen Laptop besitzt. Etwas zugespitzt kann man sagen: Unsere wichtigsten Arbeitsgeräte wurden nicht im 21. Jahrhundert in...
