Mann der Möglichkeiten
Wie verlaufen Dirigenten-Karrieren? Es gibt Orchesterleiterinnen und -leiter, die ganz plötzlich wie fertig vor uns auf dem Podium stehen. Daniel Harding war in den 1990er-Jahren einer der ersten solcher Wunderjünglinge, es folgten unter anderem Lahav Shani (inzwischen 37 Jahre alt), Klaus Mäkelä (mittlerweile 30) und in jüngster Zeit – Finne wie Mäkelä – Tarmo Peltokoski. 26 Jahre ist er alt, für die nächsten Bayreuther Festspiele aber schon als «Lohengrin»-Dirigent gebucht.
Oft wirken diese Dirigenten im jungen Alter wie gesetzte Herren mit 30 Jahren Konzerterfahrung auf dem Buckel. Kann ein solcher Weg ohne Stagnation verlaufen, ohne ein Gefühl des Sich-selbst-überdrüssig-Werdens? Harding zumindest war zwischenzeitlich zu einem Reset gezwungen, nahm noch einmal Dirigierunterricht und konnte sich so die Zuneigung der großen Orchester bewahren, die ihn seit jeher gern einladen.
Dann gibt es Karrieren, die sich auf hohem Niveau einpendeln, ohne so recht durch die Decke zu schießen. Den früheren Wiesbadener Generalmusikdirektor Patrick Lange könnte man da nennen, den scheidenden Wuppertaler Generalmusikdirektor Patrick Hahn, der mit 31 Jahren gleichwohl noch viel vor sich hat. Pietari Inkinen gehört dazu, ein hochveranlagter Musiker, der sich nach seinem Chefposten bei der Deutschen Radiophilharmonie in Saarbrücken eher nach Asien orientiert oder orientieren muss. Auch Cornelius Meister, der als Stuttgarter Generalmusikdirektor stark gearbeitet hat, scheint für den Sprung an ein Opernhaus der nächsthöheren Klasse bislang nicht vorgesehen, sein «Ring» bei den Bayreuther Festspielen 2022 blieb ohne weitere Folgen. Sie pendeln alle zwischen Provinz und Metropole, sind zuverlässige Gäste an den großen Häusern und bei renommierten Orchestern. Die Gesamtverantwortung will man ihnen dort aber nicht in die Hände legen.
Es gibt auch das mehr oder weniger plötzliche Verstummen wie bei Lothar Zagrosek, Anfang der 2000er-Jahre gefeierter Generalmusikdirektor in Stuttgart, nach seinem Abschied als Chef des Konzerthausorchesters Berlin 2011 aber höchstens noch als Spezialist für Neue Musik in Erscheinung getreten. Jüngst zu den Karrierebildern hinzugekommen ist der unvermutete Altersknick, bei Kent Nagano, der als Hamburger Generalmusikdirektor enttäuschte und sich mit seinem neuen Chefposten beim spanischen Nationalorchester in Madrid (als Nachfolger des 30 Jahre jüngeren David Afkham) in die Peripherie der europäischen Musik-Landkarte verabschiedet.
Es gibt aber auch die Karrieren, denen man beim steten Wachsen zusehen kann und die immer neue Versprechen äußern, dass noch mehr möglich sein wird – ein Mehrwert, auf den der Beobachter bei den Wunderkind-Dirigenten meist verzichten muss. Joana Mallwitz darf man da wohl nennen, die sich von Heidelberg, Erfurt und Nürnberg zum Berliner Konzerthausorchester hochgearbeitet hat und dort mit kluger Geduld, aber bestimmt nicht ohne Ehrgeiz in der Warteschleife für nächsthöhere Aufgaben kreist.
Ein besonders schönes Beispiel für stetes Wachstum ist Thomas Guggeis, seit drei Spielzeiten Frankfurter Generalmusikdirektor und dort nun ebenfalls in zunehmender Bereitschaft für größere Aufgaben. Auch er kann warten. Die Besetzungsrunde für die Nachfolge Vladimir Jurowskis als Musikchef der Bayerischen Staatsoper in München ging ohne eine Ernennung von Guggeis über die Bühne (auch Mallwitz blieb unberücksichtigt). Dass er zu den Kandidaten gezählt wurde, ist gleichwohl ein Hinweis, auf welchem Niveau sich die Karriere des 33-Jährigen mittlerweile eingependelt hat. Was haben Guggeis und Mallwitz gemein? Nicht viel, wenn man Mallwitz’ ausgreifendes Temperament mit Guggeis’ überlegtem Feinsinn vergleicht. Das aber schon: dass beide die klassische Theater-Laufbahn hinter sich haben, wie sie von Kapellmeister-Recken wie Sir Donald Runnicles und Christian Thielemann immer noch als die einzig wahre Art der Dirigentenausbildung empfohlen wird. Von Thielemann hat Guggeis übrigens einige gestische Vokabeln übernommen: das Erschreckt-in-die-Knie-Gehen zum Beispiel, das plötzliche Hintenüber-Biegen des Oberkörpers, den laxen Wurf aus dem Handgelenk. An Valery Gergiev wiederum erinnert das erregte Vibrieren der Hände, besonders wenn er – ohne Taktstock – Mozart dirigiert. Von Daniel Barenboim, dessen Assistent Guggeis zwei Jahre war und von dem er in unvergleichlicher Weise gefördert wurde, hat Guggeis – anders etwa als Lahav Shani – erstaunlich wenig übernommen, was den Dirigierstil anbelangt. Was das Denken über Musik angeht, wird er viel bei Barenboim gelernt haben. Zuerst die Harmonie, dann die Melodie, dann der Rhythmus, habe Barenboim ihm als Reihenfolge der Aufmerksamkeit empfohlen. Vieles von Guggeis’ souveräner Übersicht beim Dirigieren wird auf diese Rangliste zurückzuführen sein. Ein Mann, der sich kopfüber in den emotional ausgekosteten Augenblick wirft, ist Guggeis jedenfalls nicht.
Wenn man die Besonderheit seines Dirigierens beschreiben will, landet man zunächst bei diesem Punkt: dass Guggeis keine Veranlassung sieht, die handwerk -liche Seite des Orchesterleitens zu kaschieren. Darin unterscheidet er sich von manchem Generationsgenossen im Konzert -betrieb, der gelassen der melodischen Linie folgt, den musikalischen Reichtum aber, den es am Wegesrand zu bergen gäbe, liegen lässt. Bei Guggeis ist immer zu spüren, dass er die Partitur bis in die feinsten Verästelungen hinein studiert hat. Immer bildet sein Dirigieren die Komplexität einer Partitur ab: die Komplexität der Stimmen oder – bei Mozart, den er, wie zuletzt an der Linden-Oper die «Entführung», wundervoll dirigiert – die Komplexität der Gefühlszustände. Das hat auch Gefahren. Bei der Frankfurter «Turandot» im vergangenen April verwies unser Kritiker Götz Thieme auf ein «Mikromanagement», in dem sich Guggeis mit lähmender Wirkung verrannt habe (OW 6/2026). Ähnliches war 2023 bei seiner ersten geplanten Premiere an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben, als Guggeis bei Strauss’ «Salome» das Geflecht der Stimmen offenlegte, darüber aber den Erzählfluss aus den Augen verlor. Die «Daphne» zumindest ist nun drei Jahre her. Als Guggeis vergangene Saison sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab, war ein Dirigent zu erleben, der bei der Vermittlung zwischen musikalischem Mikro- und Makrokosmos erkennbar zugelegt hat. Ein äußerst selbstbewusstes Programm präsentierte er dort, mit Strauss’ «Zarathustra» und Ravels zweiter «Daphnis und Chloé»-Suite ausgemachte Karajan-Stücke, doch ließ er sie denkbar unkarajanhaft spielen: leicht im Ton, das Gespräch der Instrumentengruppen untereinander anregend, nie aber einen einheitlichen Gesprächston vorgebend. Als Ermöglicher trat Guggeis bei den Philharmonikern auf, zum Spielen animierend und die verschiedenen Äußerungen behutsam zu einem Gesamteindruck kanalisierend. Soll man Guggeis vorwerfen, dass es ihn nicht interessiert (oder nicht seiner Natur entspricht) einem Orchester einen einheitlichen Klang zu verpassen? Auch bei diesem Auftritt überwog noch der Eindruck des Kleinteiligen. Schafft es Guggeis, das Detail und die große Form zum Ausgleich zu bringen, wird er ein ganz Großer sein. Die Zeichen, dass er dorthin gelangt, stehen gut, man konnte ihm beim Wachsen bis -lang unmittelbar zusehen. Bis dahin nehmen vor allem seine Übersicht und Akribie für ihn ein, die Freude am Detail, in der sich eine tiefe Liebe zur Musik äußert, schließlich ein ausgeprägter Sinn für die Schönheit von Musik.
Dass man der Schönheit nicht zu nahe treten darf, hat der in Dachau geborene, in Straubing aufgewachsene Guggeis schon im jungen Alter verinnerlicht, was ihn zu einem Strauss-Dirigenten von Berufung macht. Erstaunlich leicht fällt es ihm, bei Strauss die nötige Distanz zu halten – da spricht vielleicht die Überlegtheit des Naturwissenschaftlers. Guggeis verfügt über einen Bachelor in Quantenphysik, erworben parallel zum Musikstudium in München. Der Dirigent mag ein starker Orga -nisator sein, sein Organisieren lässt dem Orchester gleichwohl Luft zum Atmen. Musikalische Glanzpunkte, das Aufleuchten einer Farbe, der Flug einer Melodie, die Prägnanz eines Rhythmus ergeben sich mehr oder weniger von selbst. Sie unterlaufen Guggeis eher, als dass er sie druckvoll evozieren würde. Ein durchaus absichtsreiches Unterlaufen: Man darf davon ausgehen, dass der Dirigent sehr genau weiß, wann er den Musikern sein Fenster der Möglichkeiten öffnet.
Das Debüt bei den Berliner Philharmonikern bot sich als Anlass für eine erste Bilanz. Acht Jahre zuvor, 2018, war Guggeis in Berlin mehr oder weniger auf die offene Bühne geworfen worden, als er an der Staatsoper zur Generalprobe die Neuproduktion von Richard Strauss’ «Salome» übernahm. Christoph von Dohnányi hatte im Streit mit dem Regisseur Hans Neuenfels hingeworfen, Guggeis, als Daniel Barenboims Assistent an den Proben beteiligt, sprang beherzt ein, dirigierte in der Generalprobe erstmals ein «Salome»-Orchester (zuvor hatte er nur in Klavierproben zu tun) und brachte schließlich auch die Premiere gut über die Bühne – vom Publikum wohlwollend in Empfang genommen auf väterliche Vermittlung des Intendanten Jürgen Flimm. Ein musikalisches Wunder war damals nicht zu erleben, wohl aber eines der musikalischen Organisation. Es gehört zu Guggeis’ Stärken, die eigenen Grenzen gut einschätzen zu können und nicht übers Ziel hinauszuschießen. Damals ging es ums bloße Durchkommen – und das schaffte Guggeis mit der Bravour einer Nachwuchskraft, die ihr Handwerk versteht. Eine klassische Einspringer-Geschichte, wie sie eine gute Dirigenten-Biographie ziert.
Nach der geglückten «Salome»-Premiere meldeten sich die ersten Opernhäuser mit Job-Angeboten, doch hatte Guggeis längst einen Kapellmeister-Vertrag mit der Stuttgarter Oper in der Tasche. Dort blieb er zwei Jahre, unter anderem dem GMD Cornelius Meister assistierend, um anschließend auf den frisch geschaffenen Posten eines «Staatskapellmeisters» an die Staatsoper Unter den Linden nach Berlin zurück -zukehren. Drei Spielzeiten später dann der Schritt nach Frankfurt, von Intendant Bernd Loebe dorthin gelotst, der Guggeis für ein «mehr als singuläres Talent» hält.
Das Frankfurter Engagement (pro Saison übernimmt er dort drei Premieren und fünf Konzertprogramme) ist für Guggeis Basis einer Karriere, die auch international ordentlich Schwung aufgenommen hat. An der New Yorker Met hat er dirigiert, an der Mailänder Scala, wohin er in der kommenden Saison für einen «Don Giovanni» zurückkehren wird. Er wird beim Orchester von Radio France debütieren und beim Finnischen Radiosinfonieorchester, er wird unter anderem zum London Philharmonic Orchestra und zum Orchestra Santa Cecilia in Rom zurückkehren, und im Sommer bei den Bayreuther Festspielen mit dem «Tannhäuser» debütieren. Ein ordentliches Reise-Programm mit einem breiten Repertoire, das Guggeis mittlerweile auszeichnet. Es reicht von Bachs «Weihnachtsoratorium» über Mozart, Wagner, Bruckner und Strauss bis hin zu Ligeti und Dutilleux. Dass er beim Lernen sehr schnell sei, hat Guggeis einmal als eine seiner Stärken angeführt.
Dass er von dieser Lernbegabung großzügig Gebrauch macht, lässt ihn zur hoffnungsvollen Erscheinung werden in einem Bereich, in dem die stilistische Spezialisierung immer weiter voranschreitet. Früher gab es mal den Generalmusikdirektor, dem man von Mozart bis zur Neuen Musik alles in die Hand geben konnte. Daniel Barenboim war noch so ein universell interessierter und stilistisch beweglicher Dirigent, auch Sir Donald Runnicles. Dass es noch einmal einen Dirigenten geben würde, der Mozart so agil und gewitzt und Wagner und Strauss so klangbewusst und reichhaltig dirigiert: Wer hätte das gedacht? Dabei möchte Thomas Guggeis nie den Anschein erwecken, er sei ein fertiger Dirigent. Die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, die bei seinen Auftritten zu erkennen sind, gehören mit zu seinem Kapital. Erlebt man Guggeis wie zuletzt bei Mozarts «Entführung aus dem Serail» an der Berliner Staatsoper, darf man sich freuen über seinen Elan, seinen Witz, seine Spontaneität, seine Übersicht. Das Unfertige aber sagt uns: Er wird weiter wachsen.
Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 50
von Clemens Haustein
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