Mal Kind, mal Vamp
Poesievoll verbrämte Orient-Historie hier, knallharte Nahost-Gegenwartsreportage dort: Die «Salome»-Lesarten, die Bremen und Kassel zu Spielzeitbeginn präsentierten, hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Und machten zugleich deutlich, welch breiten Interpretationsspielraum das Werk zulässt.
Das Theater Bremen hat für die Ausstattung und als Mit-Ideengeber für die Inszenierung den österreichischen Maler Christian Ludwig Attersee engagiert, der dem Geschehen einen raffiniert opulenten Rahmen verleiht: farbsatte Gemälde-Projektionen im Hintergrund, einen architektonisch reizvollen «Fächerpalast» als Bühnenaufbau und variantenreiche, bisweilen allerdings allzu plüschig-traditionell wirkende Kostüme. In diesem Ambiente entwickelt die junge Regisseurin Susanne Kristin Gauchel psychologisch stimmige, oft überraschende Rollenporträts. So etwa das des Pagen der Herodias, der hier nicht als Hosenrolle, sondern als Geliebte des Narraboth gesehen wird, die nach seinem Tod in einer kurzen, spontanen Aufwallung einen verzweifelten Versuch unternimmt, Salome zu erstechen.
Schwerpunkt von Gauchels Personendeutung aber ist ihre Sicht auf die Titelfigur, die auf ganz naive, fast kindliche ...
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