Magie des Geimeinsinns

Wie Riccardo und Cristina Muti das Ravenna Festival in ein Forum des Aufbruchs verwandeln

«Beethoven è incazzato», ruft Riccardo Muti ins Orchester, als er am letzten Probentag den Auftakt zum Finale der «Eroica» gibt. Das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini versteht den Maestro und dieses Adjektiv, das in seiner eigenen Giovinezza wohl nicht ganz jugendfrei war, mit «stinksauer» noch milde übersetzt ist, diesem Klangkörper aus den besten Nachwuchsmusikern Italiens aber auf direkte Weise das politische Pathos des Wahlwieners aus Bonn verdeutlicht.

Im Projekt «Le vie  dell'Amicizia» mischt Muti Jahr für Jahr seinen orchestralen Jungbrunnen mit Musikern aus einer Krisenregion, um nach intensiven Proben sowohl in Italien als auch in dem jeweiligen Partnerland gemeinsame Konzerte zu geben. In diesem Sommer ergänzen syrische Musiker das Cherubini-Orchester. Was Beethovens «per aspera ad astra» heißt, haben sie in eigenem Überlebenskampf erfahren. An einen Auftritt im Kriegsgebiet ist freilich nicht zu denken. Nach der Premiere in Ravenna reist der musizierende melting pot stattdessen ins süditalienische Paestum, um an archäologisch bedeutsamem Ort die ungestüme «Eroica»-Energie der Wiedergeburt zu verströmen.

Nicht weniger als die Renaissance gemeinschaftlich gefeierter ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 17
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Eigenmächtig

Das ist großsprecherisch, prahlerisch, Italien und die Gascogne in einem, und: es ist wahr!» Das schrieb Hector Berlioz 1855 anlässlich der ihm vom jungen Hans von Bülow und von Liszt abverlangten Revision seines «Benvenuto Cellini» von 1838 für dessen Weimarer Revival in den 1850er-Jahren. Er hatte bei der Uraufführung alle überfordert, die Ausführenden ebenso wie...

Wagemut nach dem Fall

Es glich dem «Lied überm Staub danach», rief Ingeborg Bachmann, Österreichs Zauberin des lyrischen Wortes, einer zerbrochenen Liebe nach. Gemeint war das Schauspiel «Jedermann» ihres Landsmanns Hugo von Hofmannsthal, das, zuvor in Berlin von der Kritik verrissenen, am 22. August 1920 über den Salzburger Domplatz schallte. Ein schlichtes Gastspiel aus der Hauptstadt...

Zukunft gestalten

Gänzlich unvorbereitet traf uns Corona, und Einschränkungen von zuvor nicht vorstellbarem Ausmaß prägten den weiteren Verlauf der Spielzeit. Krisen dieser Art kannten wir natürlich – aus Fernsehberichten, denn Pandemien treffen ja grundsätzlich andere Regionen. Politik und Wissenschaft entwickelten Szenarien für das Gesundheitswesen, für Schulen und Kitas, den...